Komponistinnen-Wochenende Nürnberg 15.-17. Okt. 2021 | Rückschau

Die Komponistinnen Julia Schwartz und Dr. Vivienne Olive © Archiv Frau und Musik
Die Komponistinnen Julia Schwartz und Dr. Vivienne Olive © Archiv Frau und Musik

BERICHT ÜBER DAS KOMPONISTINNEN-WOCHENENDE | 15. bis 17. Oktober 2021 | Villa Teepe, Nürnberg | Koordination: Vivienne Olive

Inspiriert durch Erinnerungen an ein Treffen in einer Berliner Villa anlässlich der Gründung der Gesellschaft Frauen in der Musik Ende der 1970er Jahre, wollte die Komponistin Vivienne Olive ein ähnliches Treffen in der heutigen Zeit organisieren. Über 40 Jahre später wäre es doch interessant herauszufinden, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Welche Fortschritte hat es gegeben? Inwiefern hatte sich die Situation für Komponistinnen verändert?

Vivienne Olive lebt in Nürnberg, und es war ihr möglich, in einer dortigen Villa ein Treffen von Komponistinnen zu organisieren – in der Villa Teepe, dem Haus der Sängerin Monika Teepe und Zentrum für regelmäßige Konzerte in einer sehr entspannten, geselligen Atmosphäre. Natürlich war dies angesichts der Covid-Situation nicht unproblematisch. Die Planung dieser Veranstaltung begann vor fast zwei Jahren. Aber unter dem Vorbehalt eines vollständigen Impfschutzes und der allmählichen Lockerung einiger strengerer Vorschriften konnte es nun endlich losgehen. Aufgrund der immer noch etwas unsicheren Lage konnten einige der eingeladenen Komponistinnen nicht teilnehmen. Fast alle waren aber dank der technischen Möglichkeiten via Zoom dennoch ‘anwesend’.

Zu Beginn der Veranstaltung am Freitag Nachmittag hielt Mary Ellen Kitchens, Vorsitzende des Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik e. V./Archiv Frau und Musik, einen Vortrag über die Geschichte des Vereins, von den Anfängen in Köln bis zum heutigen Sitz in Frankfurt/Main, vom ersten Aufruf in der Frauenzeitschrift Emma Ende der 70er Jahre bis zur heutigen weltweiten digitalen Vernetzung. Es folgte ein Vortrag von Jule Kratzat vom Furore Verlag, Kassel – dem ersten Verlag in Deutschland, der sich auf die Veröffentlichung von Werken von Komponistinnen spezialisierte. Der Furore Verlag, 1986 von Renate Matthei gegründet, besteht seit nunmehr 35 Jahren. Musik und Bücher, ausschließlich von und über Komponistinnen aus allen Jahrhunderten, können entweder online oder direkt beim Verlag bestellt und gekauft werden.

Auf diese beiden Einführungsvorträge folgte die erste einer Reihe von Sessions, in denen Komponistinnen ausführlicher über ihre Arbeit gesprochen haben. Den Anfang machten Diana Syrse (Mexiko/Deutschland) und Julia Schwartz (USA/Schweiz), zwei gegensätzliche Komponistinnen, deren Werke wir dank der technischen Ausstattung von Mary Ellen Kitchens und Meggie George, die die gesamte Veranstaltung im Hintergrund filmte, hören und sehen konnten. Eine Videodokumentation des Komponistinnentreffens 2021 wird als Teil eines Archiv-Projekts 2022 erstellt.

Der Freitag- und der Samstagabend waren Konzerten mit Live-Musik gewidmet. Im ersten dieser Konzerte gab Irene Urbach (Akkordeon) eine schillernde Interpretation von Werken von Yvette Horner sowie eine tief bewegende Aufführung von De Profundis von Sofia Gubaidulina. Ebenfalls auf dem Programm standen Werke von Vivienne Olive und Konstantia Gourzi sowie die Uraufführung von Yulim Kims Ich bin das Mondlicht, die gemeinsam mit Monika Teepe (Sopran) aufgeführt wurde. In der zweiten Hälfte des Konzerts spielte die Pianistin Annie Gicquel Werke von Clara Schumann, Mél Bonis, Vivienne Olive und Cécile Chaminade. Es war eine brillante Darbietung virtuoser Werke, die den ersten Tag des Komponistinnentreffens zu einem beschwingten Ende brachte.

Der Samstag war ein sehr ausgefüllter Tag, und Komponistinnen, die nicht an der Konferenz teilnehmen konnten, hatten wieder die Möglichkeit, sich online zu beteiligen, indem sie entweder ihre eigenen Werke vorstellten oder den Präsentationen anderer Teilnehmerinnen zuhörten. Ebenfalls online dabei waren die Autorin und Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Rieger aus Liechtenstein und die Gitarristin und engagierte AFM-Vorstandsfreu Heike Matthiesen. Online-Präsentationen gab es von Siegrid Ernst und Violeta Dinescu (Rumänien/Deutschland). Live in Nürnberg dabei war Viera Janárčeková (Slowakei/Deutschland), die ausführlich über ihre experimentellen Kompositionen sprach. Diese Vorträge bildeten den Auftakt zu einer Reihe von Diskussionen, die in den nächsten beiden Tagen folgen sollten.

Zu Beginn der Nachmittagssession stellte die Musikwissenschaftlerin Theresa Henkel in einem sehr informativen Vortrag die Publikationsreihe Komponisten in Bayern (DTKV Bayern) (Band 67: Vivienne Olive) vor, deren Hauptredakteurin sie seit vielen Jahren ist. Im Anschluss daran referierte Vivienne Olive ausführlich über die Geschichte der Komponistinnen in Nürnberg seit 1980, wobei sie auf die Gründung der Kompositionsklasse am Konservatorium Nürnberg Anfang der 1980er Jahre und auf namhafte Komponistinnen wie Claudia Herreris Guerra, Karola Obermüller und Yulim Kim, die am Konservatorium studiert hatten, sowie auf ‘Stammgäste’ in Nürnberg wie Siegrid Ernst, Janet Beat und Rhonda Berry einging.

Am Nachmittag gab die Nürnberger Gitarristin Wilgard Hübschmann ein Konzert mit Werken von der Renaissance bis zur Gegenwart, darunter zwei Stücke von Wilgard Hübschmann selbst. Die Nachmittagssitzung wurde mit Präsentationen der Komponistinnen Yulim Kim (Südkorea/Deutschland) und Karola Obermüller (Deutschland/USA)  abgeschlossen. Am Samstagabend wurden Werke von Viera Janárčeková, Karola Obermüller, Barbara Heller, Julia Schwartz, Vivienne Olive und Claudia Herrerias Guerra aufgeführt. Bianca Breitfeld (Cello), Uta Walther (Klavier) und Monika Teepe (Sopran) gaben beeindruckende und virtuose Darbietungen von diesen sehr anspruchsvollen zeitgenössischen Werken.

Am letzten Vormittag des Komponistinnenwochenendes gab es die Möglichkeit, Aufnahmen zu hören und zwei weitere Präsentationen zu erleben: eine via Zoom mit Gloria Coates (USA/Deutschland) und eine live mit der diesjährigen Composer in Residence des Archivs Frau und Musik, Farzia Fallah (Iran/Deutschland).

Gloria Coates beschrieb einige Hintergründe zur Entstehung ihrer symphonischen Werke, und Farzia Fallah sprach u. a. über ihre Arbeitsweise und ausführlicher über ihr Werk Unter Bewunderung der Farben.

Fazit

Dieses Komponistinnentreffen war angesichts der schwierigen Umstände, unter denen es geplant und durchgeführt wurde, ein großer Erfolg. Dieser Erfolg ist nicht nur den Komponistinnen selbst zu verdanken, sondern auch den Interpretinnen, Musikwissenschaftlerinnen und Organisatoren, die viel Zeit und Mühe investiert haben. Ein herzliches Dankeschön an Monika Teepe und ihren Mann Ferdinand Heinrich für ihre Gastfreundschaft. Und besondere Erwähnung verdienen Mary Ellen Kitchens, die u. v. a. alle Zoom-Verbindungen möglich gemacht hat, Julian Fischer vom Archiv Frau und Musik für die organisatorische Unterstützung sowie Meggie George als Videoproduzentin.
Die Möglichkeit, mit den Komponistinnen und Musikerinnen zu kommunizieren, die nicht physisch anwesend sein konnten, hat diesem aufregenden Wochenende eine wichtige Dimension verliehen. Und natürlich ein großes Dankeschön an unsere Sponsoren: Archiv Frau und Musik, Frankfurt/Main, Hochschule für Musik Nürnberg (Referat für Gender und Diversity) und der Mariann Steegmann Foundation, ohne die das ganze Projekt nicht möglich gewesen wäre.

Hoffen wir, dass wir in Zukunft weitere Treffen von Komponistinnen veranstalten können. Es scheint auf jeden Fall ein Bedarf für diese Art von sehr lohnenswerten Veranstaltungen zu bestehen.

Vivienne Olive, Nürnberg, Oktober 2021