Weronika Aleksandra Markiewicz (1962–2003)

Weronika Aleksandra Markiewicz © Archiv Frau und Musik
Weronika Aleksandra Markiewicz © Archiv Frau und Musik

Viel wissen wir nicht über das Leben von Weronika Aleksandra Markiewicz. Vier große Pappkisten mit ihrem Nachlass lagern bei uns im Archiv Frau und Musik. Im März 2007 informierte uns die Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Warschau über die Möglichkeit, einen Teil des musikalischen Nachlasses von Markiewicz erhalten zu können. Einige Monate später trafen die Kisten in Frankfurt/Main ein. Darin liegen Notizbücher, Audiokassetten, Stifte, Fotos der Komponistin, aber vor allem Musiknoten. Hunderte von Objekten und Dokumenten sind hier zusammengetragen, aber uns fällt es trotzdem schwer, mit ihnen eine Lebensgeschichte zu erzählen. Die groben Daten kennen wir, aber wie lassen sich diese zu einem Bild der Künstlerin zusammenfügen?

Die Komponistin und Sängerin Weronika Aleksandra Markiewicz wurde am 27. Januar 1962 in Lwiw in der Ukraine als Weronika Aleksandra Biłogubka geboren – im Laufe ihres Lebens ließ sie gleich zweimal ihren Nachnamen ändern. Die Mutter Zofia Leżańska (Musikwissenschaftlerin und Pianistin) und der Vater Anton Biłogubka (Sänger und Dirigent) förderten früh das musikalische Interesse ihrer Tochter. Ihre Kindheit verbrachte sie in Nowosibirsk, wo ihr Vater Musik studierte. Mutter und Tochter zogen 1981 nach Polen; dort nahm Markiewicz zunächst Gesangsunterricht in Warschau und studierte dann Gesang und Schauspiel an der Musikakademie in Gdańsk. Nach ihrem Abschluss ging Markiewicz noch einmal nach Lwiw zurück, um dort Komposition zu studieren. 1996 beendete sie das Studium – ihre Abschlusskomposition war die großbesetzte Sinfonische Dichtung Bajka o białym cielątku (Das Märchen vom weißen Kälbchen). Danach komponierte Markiewicz Auftragswerke und sang Konzerte europaweit. Hier führte die Mezzosopranistin eigene Werke auf, aber auch Opernarien und polnische, russische oder jiddische Lieder. Weronika Aleksandra Markiewicz starb 2003 in Lublin im Alter von nur 41 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens.

Ungewöhnlicher Nachlass

Deckblatt "Das Märchen vom weißen Kälbchen" © Archiv Frau und Musik
Deckblatt “Das Märchen vom weißen Kälbchen” © Archiv Frau und Musik

Ihr Nachlass im Archiv Frau und Musik ist geprägt durch die Mutter Zofia Leżańska. Sie war es, die ihn zusammenstellte, sie publizierte die Noten der Tochter, sie kommunizierte mit dem Archiv. Die Fotos von Markiewicz zeigen meist gemeinsame Urlaube von Mutter und Tochter. So präsent die Mutter ist, so abwesend der Vater. Wir kennen seinen Namen, das Hochzeitsfoto der Eltern und wissen, dass er Sänger war. Aber ab 1981, dem Umzug nach Polen, verliert sich seine Spur. Ist er verstorben, haben sich die Eltern getrennt? Warum sind Mutter und Tochter nach Polen, obwohl beide kein Polnisch sprachen? Hatte Markiewicz‘ frühe Namensänderung etwas mit dem Verbleib des Vaters zu tun? Dies alles wissen wir nicht und es wird schwierig, dies herauszufinden. Denn im Winter 2019 starb auch die Mutter in Polen.

Das Leben von Weronika Markiewicz lässt sich vermutlich ohne einen Blick auf die spannungsreiche Geschichte zwischen der Sowjetunion und später der Ukraine und Polen nicht verstehen. Ihr Geburtsort Lwiw in der heutigen Ukraine war mehrheitlich von Pol*innen bewohnt; als Mutter und Tochter 1981 nach Polen zogen, führten die dortigen Arbeiter*innenbewegungen rund um die Gewerkschaft Solidarność zu weitreichenden politisch-gesellschaftlichen Umbrüchen, die auch die Beziehung zwischen den Nachbarländern veränderten. Weder im Nachlass von Markiewicz noch in den Briefen der Mutter finden sich Hinweise und Äußerungen zu den politischen Ereignissen der Zeit; wir wissen nicht, ob und wie sie das Leben der Komponistin beeinflussten. Markiewicz änderte ihren Nachnamen offenbar, weil ihr früherer Name in Polen zu Irritationen führte.

Gesuchte Identität?

Collage aus Porträtfotos und Autograph © Archiv Frau und Musik
Collage aus Porträtfotos und Autograph © Archiv Frau und Musik

Was aber den Nachlass und die Berichte durchzieht, ist Markiewicz‘ Auseinandersetzung mit ihrer Identität als Jüdin. In Warschau machte sie am Institut für jüdische Geschichte einen Sprachkurs in Jiddisch, in ihrem Nachlass finden sich einige Notizhefte mit ihren Jiddisch-Übungen, aber auch hebräische Texte und Schriftübungen sind dort erhalten. Eindrucksvoll sind zahlreiche Kassetten mit Aufnahmen von jiddischen und hebräischen Liedern, die Markiewicz bei Auftritten als Zugabe sang. Im Jahr 2000 war sie mitverantwortlich für das Programm des VIII. Finales des Großen Orchesters der Weihnachtswohltätigkeit im städtischen Kulturhaus in Żyrardów (Polen), wo sie das Musical Anatevka – Wenn ich einmal reich bin aufführte und vermutlich selbst mitsang. Das Musical spielt um 1905 im fiktiven Schtetl Anatevka. Das liegt im Ansiedlungsrayon des Russischen Kaiserreichs, also dem Gebiet, auf das zwischen Ende des 18. und Anfang des 20. Jahrhunderts das Wohn- und Arbeitsrecht der jüdischen Bevölkerung beschränkt war. Anatevka zeigt das Leben polnischer Jüd*innen zwischen Feiern und Repressionen. Fand sich Weronika Markiewicz in diesem Stück über die Traditionen der ostjüdischen Bevölkerung wieder? Oder interessierten sie vor allem die jiddischen Volkslieder, die darin Niederschlag fanden?

Die Suche nach der Komponistin Weronika Aleksandra Markiewicz hinter den Nachlassobjekten dauert an. Uns bleiben aber ihre wunderbaren Kompositionen und Aufnahmen ihrer Arien und Lieder.

Nach erfolgter Rechteklärung werden zahlreiche Audioaufnahmen, Fotografien und Autographe aus dem Nachlass von Weronika Aleksandra Markiewicz auf der Seite des Digitalen Deutschen Frauenarchivs zu sehen sein.