Viel Neues hat der CD-Markt wieder zu bieten für Neugierige, die Lust auf Musik von Komponistinnen haben. Mittlerweile bekannte Namen sind dabei, aber auch Raritäten und Entdeckungen: Klavier- und Kammermusik, Lieder, Chormusik, erfreulich viel Symphonik mit prominenten Dirigent*innen – und mit Clémence de Grandvals Mazeppa auch ein echtes Opern-Highlight. Fridemann Leipold hat zahlreiche aktuelle Veröffentlichungen für uns begutachtet. In seiner CD-Umschau ist wirklich für alle etwas dabei!
Mel Bonis: Orchestral Works (CPO)
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Frauen in früheren Jahrhunderten genauso gut komponieren konnten wie ihre männlichen Kollegen – dann wäre Mélanie Bonis (1858–1937), die ihre Werke meist unter dem geschlechtsneutralen Pseudonym Mel Bonis veröffentlichte, ein Paradebeispiel. In einer kleinbürgerlichen, streng katholischen Familie aufgewachsen, wird die junge Bonis auf Empfehlung des Orgelpapstes César Franck ins Pariser Konservatorium aufgenommen – Lehrer von Rang wie Ernest Guiraud, Jules Massenet oder Charles Koechlin sorgen für eine erstklassige Ausbildung. Claude Debussy, Ernest Chausson und Gabriel Pierné zählen dort zu ihren Studienkollegen. Ihre Eltern zwingen sie jedoch, das Konservatorium zu verlassen – um ihre Liaison mit dem vorgeblich nicht standesgemäßen, singenden und dichtenden Kommilitonen Amédée-Louis Hettich zu unterbinden. Ein uneheliches Kind mit Hettich stürzt die tiefgläubige Bonis später in schwere Gewissenskonflikte. Bonis musste stattdessen einen zweifach verwitweten Geschäftsmann mit fünf Söhnen heiraten. Einziger Vorteil dieser Ehe: Sie war finanziell abgesichert und konnte sich neben der Erziehung von mittlerweile acht Kindern ganz dem Komponieren widmen.
Längst zählt Mélanie Bonis mit ihren rund 300 Werken zu den bekanntesten Komponistinnen der Belle Époque in Frankreich, also der Jahrhundertwende um 1900. Fast alle ihrer symphonischen Werke und Orchesterlieder sind nun zum ersten Mal auf einem exquisiten Album versammelt, das als Produktion des WDR in Kooperation mit der verdienstvollen Stiftung Palazetto Bru Zane – Centre de musique romantique française entstand. Mit dem WDR Sinfonieorchester und dem französischen Dirigenten Joseph Bastian konnten namhafte Interpreten für dieses unkonventionelle Repertoire gewonnen werden. Bastian ist dafür ein idealer Kandidat, hat er doch schon lange ein offenes Ohr für Komponistinnen und bringt genau das richtige Feeling für die klangsinnliche Musik von Mélanie Bonis mit. Exemplarisch dafür stehen zu Beginn die drei von ihr selbst prachtvoll orchestrierten Titel aus ihrem Klavierzyklus Femmes de légende, in dem Bonis Heldinnen aus Mythologie, Sagenwelt und Literatur musikalisch porträtiert hat.
Duftig, in pastellfarbenen Klängen schillernd, hebt Le Songe de Cléopâtre an – wie in Trance komponiert wirkt diese lasziv lockende, rauschhaft aufblühende Traumszene. Obwohl Bonis den Kollegen Debussy nicht sonderlich schätzte, hat sie das todestrunkene Tonbild Ophélie in impressionistisches Kolorit getaucht. Und mehr noch als Cléopâtre verströmt Salomé exotisches Flair – oder was man damals dafür hielt. Mit effektvollem Percussion-Einsatz von Tamburin und Becken huldigt Bonis der zeittypischen Orientalismus-Mode und entfesselt einen wilden, gefährlich brodelnden Tanz – Salomé ist ein brillantes Orchesterstück, das Bastian in allen Farben funkeln lässt. Nahtlos schließt die Suite orientale von Bonis mit schlängelnden Linien und einem veritablen Bauchtanz daran an, bevor die schwungvolle Valse éspagnole Les Gitanos eine Reihe von Tänzen im Dreivierteltakt eröffnet. Auch in der eleganten Suite en formes de valses agiert Bastian mit dem großartigen WDR Sinfonieorchester immer geschmackvoll, nie sentimental oder gar vulgär. Und achtet dabei stets auf Leichtigkeit und Transparenz, so auch in den drei altertümlichen Tänzen Bourée, Pavane und Sarabande.
Drei Orchesterlieder aus der Feder von Bonis runden dieses hinreißende Album ab. In Le Chat sur le toit gelingt der Sopranistin Lydia Teuscher ein lautmalerisch gewitztes Kabinettstück über die nächtlichen Amouren eines Katers, Noël de la Vierge Marie gestaltet die Mezzosopranistin Julie Robard-Gendre als herzbewegendes weihnachtliches Wiegenlied. Und in der Vertonung des Gedichts Le Ruisseau von Amédée-Louis Hettich sorgen die Sopranistinnen und Altistinnen des WDR Rundfunkchores für das wellenförmige Auf und Ab des titelgebenden Baches – und intonieren einen Vers, der wie ein Lebensmotto von Mélanie Bonis klingt: „Ich gehe ohne Ziel, meiner Fantasie entgegen, wie der Gedanke und das Verlangen …“
Florence B. Price: Hold Fast to Dreams (CAvi-music)
Mittlerweile ist Florence Beatrice Price (1887–1953) aus Little Rock, Arkansas, zu einer Galionsfigur der Frauenmusikbewegung geworden. Als Person of Color sah sie sich doppelter Dirkriminierung ausgesetzt – und ist doch ihren eigenen Weg gegangen. Am renommierten New England Conservatory in Boston ausgebildet, zog Price aufgrund rassistischer Anfeindungen mit ihrer Familie nach Chicago, studierte dort weiter, ließ sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden, heiratete erneut, schlug sich mit ihren Kindern als Stummfilm-Organistin und mit Privatunterrricht durch. Schon zu Lebzeiten hatte Price mit ihrer neuartigen Musik, in der Einflüsse afroamerikanischer Musikkultur und europäischer Klassik verschmelzen, einzelne Erfolge, bevor sie vergessen wurde. Mit Pultstar Yannick Nézet-Séguin und seinem Philadelphia Orchestra sind ihre Symphonien und Violinkonzerte in Einspielungen für Majorlabels endgültig im Mainstream angekommen.
Bislang ist man Beispielen aus dem reichen Liederfundus von Florence Price nur vereinzelt begegnet. Erstmals ein ganzes Album mit ihren Songs haben der britische Tenor Ted Black und der deutsche Pianist Sascha El Mouissi beim WDR aufgenommen. Die 34 ausgewählten Lieder, entstanden zwischen 1928 und 1949, decken ein breites musikalisches, inhaltliches und emotionales Spektrum ab. Der emphatische Titelsong Hold fast to Dreams ist mit seiner erweiterten Tonalität und seiner impressionistischen Anmutung eine Art Signaturstück – auch weil der Textdichter Langston Hughes eine Ikone der Harlem Renaissance war, einer künstlerischen Initiative, die mit den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung zusammenfiel.
Und um Träume von einem besseren Leben, Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung geht es in vielen dieser Lieder. Einige greifen philosophische und religiöse Fragen auf, wobei Because mit seinem bluesartigen Charakter der Spiritual-Tradition am nächsten steht. Züge eines Gebets hat auch das ergreifende letzte Lied des Albums, Little Things, das sich aus nackter Verzweiflung zu hymnischen Tönen aufschwingt. Idyllische Naturbetrachtungen stehen neben koketten und witzigen Liedern. Mit dem Spottlied Ham and Eggs schießt Price im wahrsten Sinne des Wortes den Vogel ab: Die Hühner wollen eine Lohnerhöhung und proben gackernd den Aufstand, der Hahn ruft krähend zum Streik auf, sie sollen das Eierlegen verweigern – doch die Hennen machen, wen wundert‘s, einfach weiter …
Mit seinem duftigen, sehr variablen Klavieranschlag ist Sascha El Mouissi ein ungemein versierter, flexibler Liedbegleiter für den Tenor Ted Black, der den von Price geforderten Stimmumfang über zwei Oktaven mit sonorer Tiefe und stabiler Höhe meistert. Als Muttersprachler sorgt Black zudem für klare Artikulation der amerikanischen Texte. Mit seinem kernigen Timbre und seinem lyrischen Schmelz gerät ihm der Price-Sound aufs Ganze gesehen zwar etwas monochrom – da wären mehr dynamische Facetten denkbar. Aber dieser kleine Einwand nimmt dem Album nichts von seiner Relevanz, auf die Mouissi im Editorial zur CD hinweist: „Der Aufstieg des Rechtspopulismus und das Wiederaufleben nationalistischer und ausgrenzender Ideologien in vielen Teilen der Welt erinnern uns daran, wie wichtig es ist, Stimmen wie die von Florence B. Price zu hören.“
Dora Pejačević: Complete Symphonic Works (audite)
In ihrer Heimat gilt Dora Pejačević (1885–1923) schon lange als bedeutendste Komponistin Kroatiens – größere Bekanntheit erlangte sie bei uns rund um ihren 100. Todestag, auch dank des fabelhaften Dokumentarfilms DORA – Flucht in die Musik von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren.
Zur Zeit der Habsburgermonarchie in eine Adelsfamilie hineingeboren, wuchs die junge Gräfin Pejačević im slawonischen Familenschloss Našice auf und genoss in dieser privilegierten Umgebung schon früh intensive Förderung, bevor sie in Zagreb, Dresden und München eine fundierte musikalische Ausbildung erhielt. Mit nur 37 Jahren starb sie kurz nach der Geburt ihres einzigen Kindes in der Münchner Frauenklinik. Der Erste Weltkrieg wurde für Dora Pejačević zur tiefgreifenden Erfahrung: Sie sagte sich von ihrem aristokratischen Familienhintergrund los und leistete in ihrer kroatischen Heimat Sanitätsdienst. Dass sie unter diesen Umständen ihre beiden umfangreichsten Kompositionen zu Papier brachte, erstaunt bis heute. Ihr Klavierkonzert und ihre Symphonie sind denn auch die Hauptwerke auf einem Doppelalbum, das die komplette Symphonik von Pejačević bietet, klangsinnlich musiziert von der Staatskapelle Weimar und ihrem kroatischen Chefdirigenten Ivan Repušić.
In schwer lastender, düster verhangener Stimmung hebt die monumentale fis-Moll-Symphonie von Pejačević an und blüht im reichen Orchesterkolorit der Spätromantik emphatisch auf, überrascht aber auch mit kühnen harmonischen Wendungen. Man spürt sofort: Da bricht sich ein starker Ausdruckswille, eine eigene Stimme Bahn. Ein traumhaftes Englischhorn-Solo, gefolgt von interessanten Bläser-Mischungen, leitet den langsamen Satz ein, ein burleskes Scherzo und ein heroisch auftrumpfendes Finale mit visionären Zügen runden Pejačevićs Meisterwerk ab. Erfreulicherweise wird diese ungemein lohnende Symphonie in letzter Zeit häufiger aufgeführt. So hat sie kein Geringerer als Andris Nelsons 2022 mit seinem Leipziger Gewandhausorchester dort und später auch in Wien mehrfach dirigiert.
Mit seiner kroatischen Kollegin Martina Filjak hat Dirigent Ivan Repušić eine virtuose Pianistin im g-Moll-Klavierkonzert von Dora Pejačević an seiner Seite. Mit seinem sehnsuchtsvollen Ton, seinem strömenden Melos, seiner pianistischen Brillanz und orchestralen Farbenpracht verrät das Konzert eine gewisse Rachmaninow-Nähe und wirkt damit eingängiger als Pejačevićs Symphonie. Nach diesen beiden großformatigen Werken komponierte sie ab 1919 noch eine pathetische Konzertouvertüre und eine packende Phantasie concertante, die mit ihrem vollgriffigen Klaviersatz und einer großangelegten Kadenz der Pianistin Martina Filjak kraftvollen Einsatz abverlangt.
Ein besonderes Highlight dieser Einspielung sind die beigegebenen Orchesterlieder von Pejačević, die Annika Schlicht mit ihrem glutvollen Mezzo und ihrem gutturalen Timbre eindringlich gestaltet. Wie die übrigen symphonischen Werke von Pejačević sind auch ihre beiden entzückenden Schmetterlingslieder sowie Verwandlung und Liebeslied nach Gedichten von Karl Kraus und Rainer Maria Rilke – beide Literaten gehörten zu ihrem Bekanntenkreis – luxuriös instrumentiert. Ivan Repušić dirigiert das alles mit großer Hingabe und Leidenschaft, Pejačevićs Musik ist ihm hörbar ein Herzensanliegen. Trotz zarter Lyrismen gerät ihm der Orchesterklang aber mitunter zu pauschal und bombastisch. Damit bleibt die 2022 bei Chandos erschienene Einspielung des Klavierkonzerts und der Symphonie mit dem Pianisten Peter Donohoe und dem BBC Symphony Orchestra unter Sakari Oramo die klanglich differenziertere und interpretatorisch überzeugendere Alternative für dieses Repertoire.
Brahms & Contemporaries Vol. 3 (Chandos)
Ideal dazu passt eine aktuelle Kammermusik-Veröffentlichung. Denn das britische Kaleidoscope Chamber Collective, das in variabler Besetzung auftritt, hat die letzte Folge seiner dreiteiligen Serie Brahms & Contemporaries mit einem frühen Klavierquartett von Dora Pejačević (1885–1923) beschlossen. Das ungewöhnliche Konzept begeistert: So haben die drei Musikerinnen um den Pianisten Tom Poster, die Geigerin Elena Urioste, die Bratschistin Rosalind Ventris und die Cellistin Laura van der Heijden, je eines der drei Klavierquartette von Johannes Brahms mit einem derartigen Werk von einer Zeitgenossin des Romantikers kombiniert. Auf den ersten beiden Folgen kamen bereits Luise Adolpha Le Beau (1850–1927) und Louise Héritte-Viardot (1841–1918) zum Zug, Tochter der weit bekannteren Sängerin und Komponistin Pauline Viardot-García (1821–1910).
„Wir können uns vorstellen“, so die Musiker*innen im Beiheft, „dass manche die Stirn runzeln, wenn Dora Pejačević als Zeitgenossin von Brahms beschrieben wird; schließlich wurden die beiden Komponisten im Abstand von mehr als fünfzig Jahren geboren, und ihre Lebenswege überschnitten sich nur für zwölf Jahre.“ Tatsächlich aber steht Pejačevićs frühes d-Moll-Klavierquartett noch ganz in der romantischen Tradition – nur mit der Harmonik geht sie etwas freier, weniger streng um als Brahms. Im aufgewühlten Kopfsatz findet sie einen durchaus Brahms-nahen Tonfall mit tief empfundenen Kantilenen im Adagio. Sodass sich die Mitglieder des Kaleidoscope Chamber Collective spontan für diese Kombination entschieden haben: „Wir waren sofort hingerissen von der leidenschaftlichen Wucht von Pejačevićs Klavierquartett, aber auch von der Zärtlichkeit seines langsamen Satzes, und hatten das Gefühl, dass es die perfekte Ergänzung zum ersten Klavierquartett von Brahms sein würde.“
Genau so ist es. Dieselbe Brillanz, Gestaltungskraft und Klangkultur, mit der das Ensemble das populäre g-Moll-Klavierquartett von Brahms zum überwältigenden Hörerlebnis macht, bringen die vier Musiker*innen auch für Pejačevićs halb so langes Werk auf, das ebenfalls mit einem tänzerischen Rondo endet. Vermutlich wird Pejačević die Klavierquartette von Brahms gekannt haben. Schier unglaublich indes wirkt, was sie als 23-Jährige schon handwerklich draufhatte, wie dicht gearbeitet der Tonsatz, wie erfindungsreich ihre Melodik ist. Und das Kaleidoscope Chamber Collective schöpft das Potenzial beider Klavierquartette mit höchster Spielkultur, feinster dynamischer Abstufung und erlesener Tonschönheit grandios aus. Eine der besten Kammermusik-Veröffentlichungen der letzten Zeit!
Elsa Barraine: Symphonies 1 & 2 (Warner Classics)
Die bedeutendste Veröffentlichung und spannendste Entdeckung dieser CD-Umschau ist die Symphonik der französischen Komponistin Elsa Barraine (1910–1999), die das Orchestre National de France unter seinem Chefdirigenten Cristian Măcelaru in einer furiosen Neueinspielung herausgebracht hat, koproduziert von Radio France. Barraines Eltern, beide Profi-Musiker, fördern das Talent ihrer Tochter früh, mit 17 kommt sie ohne reguläre Schulausbildung ans Pariser Konservatorium und studiert bei Paul Dukas, der zu ihrem großen Mentor wird. 1929 bekommt Barraine für ihre Kantate La Vierge guerrière über die Nationalheldin Jeanne d’Arc den Grand Prix de Rome, jenes begehrte Stipendium in der italienischen Hauptstadt, das eine Art Ritterschlag bedeutet. Doch schon dort erlebt Barraine den aufkeimenden Mussolini-Faschismus. Anschließend arbeitet sie beim französischen Rundfunk, 1953 wird sie selber Professorin am Pariser Konservatorium.
Charakteristisch für Elsa Barraines Leben und Werk sind, bedingt vielleicht auch durch ihre jüdische Herkunft, ihr hellwaches politisches Bewusstsein und ihr daraus resultierendes gesellschaftskritisches Engagement. So hat sie sich mit anderen linksorientierten Musiker*innen in der Fédération Musicale Populaire dafür starkgemacht, der Arbeiterschaft Zugang zu Musik zu ermöglichen. Nach dem Münchner Abkommen 1938, dem Kotau der Westmächte vor Hitler, tritt Barraine der Kommunistischen Partei Frankreichs bei. Mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht zwei Jahre später engagiert sie sich in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung, wird Gründungsmitglied des kommunistischen Front National des Musiciens. Zweimal entgeht Barraine nur knapp der Verhaftung, taucht in den Untergrund ab, überlebt die Besatzungszeit unter neuer Identität.
Dass sich die katastrophalen Zeitläufte in Elsa Barraines Musik widerspiegeln, verwundert nicht. Bereits ihre Erste Symphonie, 1931 noch in Italien entstanden, ist von atemberaubender expressiver Kraft. Über die tiefen Register des unheilvoll brodelnden Beginns bricht mit Strawinsky-haft gehärteten Rhythmen ein aggressives Klanggewitter herein. Das schwerblütige Adagio hat einen Zug zum Existenziellen und zeugt vom großen künstlerischen Ernst der Komponistin – und auch das traumverloren anhebende, dann vital pulsierende Finale Allegro mit dem scherzhaften Zusatz giocoso hat wenig Heiteres an sich. Noch stärker auf den Punkt gebracht hat Barraine ihre Botschaft dann in der gleichfalls dreisätzigen, weiter verdichteten Zweiten Symphonie von 1938 – der russische Beiname Voïna steht für Krieg. In erweiterter Tonalität rollt eine erbarmungslose Kriegsmaschinerie an, deren Opfer im zentralen Trauermarsch gedacht wird, bevor ein überschäumendes Finale die Rückkehr des Lebens feiert. Musik, die zutiefst nachdenklich macht.
Konkret niedergeschlagen hat sich Barraines politisches Engagement in den Orchester-Variationen Song-Koï: Le Fleuve rouge, ein Rundfunkauftrag von 1945 für die Zeit nach der Befreiung, in der Barraine mit Musik fürs Kino, Theater und Radio Erfolge feiert. Der Rote Fluss Sông Hồng, von Barraine damals als Song-Koï bezeichnet, entspringt in der chinesischen Provinz Yunnan, nimmt seinen Weg durch Vietnam, quert seine Hauptstadt Hanoi und mündet über ein weitläufiges Delta ins Südchinesische Meer. Die Farbe Rot steht aber auch für die vietnamesischen Kommunisten, die im Guerillakrieg gegen die französischen Kolonialherren um ihre Unabhängigkeit kämpften. Darüber hinaus zeichnet die spirituell orientierte Barraine in ihrer Komposition den Lebenskreislauf von Geburt und Tod nach. Vom mystischen Beginn bis zum visionären Ende entfaltet sich in acht Stationen des Flusses eine vielfältig oszillierende Klangfarbenmagie: mal fernöstlich inspiriert, mal impressionistisch getönt, mal martialisch aufbrausend, mal überirdisch verklärend nach Art ihres Kommilitonen Olivier Messiaen.
Beim rumänischen Pultstar Cristian Măcelaru, einem Meister seiner Zunft, und seinem fantastischen Orchestre National de France liegt Barraines Musik in besten Händen. Mit rhythmischer Verve und orchestraler Brillanz serviert Măcelaru als unwiderstehlichen Rausschmeißer noch Les Tziganes, einen Volkstanz der osteuropäischen Roma in der Version von Barraine, gedacht vermutlich als Begleitmusik für ein Radio-Feature. Dieses Album ist – zusammen mit dem informativen Booklet-Essay von Cécile Quesney und Mariette Thom – ein Glücksfall für die Symphonik von Elsa Barraine, die hier grandios dargeboten wird! Und zu Recht vom Preis der Deutschen Schallplattenkritik in die Bestenliste für das 2. Quartal 2026 aufgenommen wurde.
Armande de Polignac: Piano Works (Grand Piano)
Schon mal was von Armande de Polignac (1876–1962) gehört? Dieses attraktive Album macht uns mit ihrer gehaltvollen Klaviermusik bekannt, großteils in Erstaufnahmen, die dem exzellenten französischen Pianisten Bruno Belthoise zu verdanken sind. Im lesenswerten Booklet-Essay erfährt man viel über ihr Leben, ihr umfassendes Musikstudium in London und Paris bei Gabriel Fauré und Vincent d‘Indy – gelernt hat Polignac Klavier, Geige und Bratsche, diverse Blasinstrumente, Dirigieren und Komponieren. Nach der Heirat mit einem französischen Grafen sah sie sich mit gleich zwei Vorurteilen konfrontiert: „Ich bin keine Society-Lady, die in ihrer Freizeit und zur Unterhaltung Musik komponiert. Ich bin eine Frau, die einen Beruf ergriffen hat, nachdem sie die dazu notwendige Ausbildung absolviert hatte. Diesen und keinen anderen Beruf zu erlernen, war für mich gewiss eine Berufung.“
Von Armande de Polignacs unzweifelhaftem Talent zeugt die vorliegende Auswahl aus ihrem reichhaltigen Klaviermusik-Œuvre, die chronologisch angeordnet ist und von den frühen sechs Préludes im Stil von Fauré bis zu experimentierfreudigen Tonbildern für Klavier zu vier Händen reicht. Schon in den elegischen, eleganten, schwärmerischen und harmonisch durchaus eigenwilligen Préludes aus dem Jahr 1900 beweist Bruno Belthoise mit seinem agogisch freien Zugriff, seiner feinsinnigen Phrasierung und seinem ausdrucksvollen Spiel, dass er ein Pianist der Sonderklasse ist – da atmet einer mit der Musik.
Wirklich spannend ist es, über die Werkfolge des Albums Polignacs Entwicklung auf dem Weg in die frühe Moderne mitzuverfolgen. Und das hieß für eine französische Komponistin ihrer Zeit, ins Fahrwasser des Impressionismus einzutauchen. Paradestücke dafür sind Polignacs düster verschattetes Nocturne, ihre magisch-mystische Berceuse und die drei Échappées – die titelgebenden Fluchten führen mit Strawinsky-haft hämmernden Rhythmen in die Steppe, in einen sonnendurchfluteten Wald und in einen orientalischen Basar; alles Orientalische oder was man dafür hielt, war damals in Frankreich groß in Mode. Anklänge an Debussy sind unüberhörbar – wobei Polignac diejenige war, die in ihren Klavierstücken teilweise Debussys berühmte Préludes (1909–1913) vorweggenommen hat, nicht umgekehrt.
Dass Bruno Belthoise zusammen mit dem portugiesischen Pianisten João Costa Ferreira auch ein famoses Klavierduo bildet, zeigen die beiden vierhändig in Polignacs Cloches von 1919. Während das zweite Tonbild von gläserner Kühle zu festlichem Geläute voranschreitet, ist das erste ein faszinierendes Stück Avantgarde. Denn Polignac experimentiert hier mit Polyrhythmik, heißt: Sie setzt die Parts der beiden Pianisten rhythmisch versetzt, also asynchron gegeneinander – so realistisch wie das akustische Durcheinander, das entsteht, wenn mehrere Kirchenglocken gleichzeitig läuten.
Krönender Abschluss dieses außergewöhnlichen Albums ist Polignacs Suite Les Mille et Une Nuits in der von ihr selbst erstellten Fassung für Klavier zu vier Händen. 1911 ursprünglich als symphonische Suite uraufgeführt, später auch als Ballettmusik gefeiert, beschwört das dreiteilige Werk das Flair aus Tausendundeiner Nacht herauf. Belthoise und Costa Ferreira entführen uns in die Pracht eines orientalischen Sultanspalasts, in mondbeschienene Gärten und in die Welt ritueller Tänze. Mit perkussiv stampfenden Rhythmen entfesseln die beiden Pianisten orgiastische Urkräfte. Und man fragt sich verwundert: Warum wird diese packende Musik bei uns nicht gespielt?
Clémence de Grandval: Mazeppa (Palazzetto Bru Zane)
„Ihre Werke wären sicherlich berühmt, wäre die Autorin nicht eine Frau, was für viele Menschen ein unabänderlicher Fehler ist.“ So urteilte Camille Saint-Saëns über seine hochgeschätzte Schülerin Clémence de Grandval drei Jahre nach ihrem Tod 1907. Keine Frage, Grandval war eine außergewöhnliche Frau. 1828 in eine aristokratische französische Familie geboren, bekam sie von Chopin Klavierstunden, von Friedrich von Flotow und eben Saint-Saëns Kompositionsunterricht und schuf – mit voller Unterstützung ihres Ehemanns, eines wohlhabenden Musikliebhabers – ein über alle Gattungen verteiltes, umfangreiches Œuvre, in dem sechs Opern dominieren.
Ihr letztes und zugleich monumentalstes Bühnenwerk Mazeppa ist Grandvals Vermächtnis. Vergeblich hatte sie sich um eine Uraufführung in Paris bemüht – 1892 war es dann in Bordeaux so weit. „Das Sujet von Mazeppa hat Madame Clémence de Grandval zu einer wahrhaft bemerkenswerten Partitur inspiriert, deren Erfolg in der Musikwelt für Aufsehen sorgen wird,“ hieß es damals in der Presse. Tatsächlich hatte bereits Tschaikowsky Aufstieg und Fall des ukrainischen Nationalhelden, den es wirklich gab, nach den Vorlagen von Lord Byron und Alexander Puschkin in einer Oper verarbeitet. Auch Grandvals Librettisten Charles Grandmougin und Georges Hartmann bedienten sich bei diesen Quellen – wobei der legendäre Sturz des nackt an sein sterbendes Pferd gefesselten Kosakenhauptmanns, den man in der Steppe ausgesetzt hat, reine Erfindung der Dichter und Maler ist. Eine Szene, die Grandval zum düster dahinjagenden, heroisch auftrumpfenden Vorspiel ihrer Oper inspirierte. In ihrer farbig instrumentierten Partitur finden sich volksmusikalische Einflüsse, Orientalismen, Wiegen- und Trinklieder, Gebete mit Orgelbegleitung, ein Liebesduett im Walzertakt, eine finale Wahnsinnsarie – eine faszinierende Vielfalt an Ausdrucksgesten und Stimmungen.
Grandvals Mazeppa hat alles, was eine französische Grand Opéra braucht: fünf Akte, ein historisch-politisches Sujet, triumphale Chöre, grandiose Ensembles und Massenszenen, die obligatorische Balletteinlage, eine Dreiecksgeschichte zwischen einer Frau und zwei Männern mit tödlichem Ausgang. Wobei – ganz genreuntypisch – hier dem Bariton, nämlich Mazeppa, die Rolle des Liebhabers der Fürstentochter Matréna zugewiesen ist, dem Tenor dagegen die seines eifer- und rachsüchtigen Rivalen Iskra. Mazeppa bleibt auch bei Grandval ein zwielichtiger Freiheitsheld im Kampf um die ukrainische Autonomie. Zunächst besiegt Mazeppa die feindlichen Polen und wird als Befreier der Ukraine gefeiert. Dann aber wechselt er die Seiten, fällt vom Zaren ab, dem die Ukraine unterstellt ist, paktiert mit den gegnerischen Schweden – und wird damit zum Verräter am ukrainischen Volk. Ihn, der die Macht an sich gerissen hat, trifft am Ende der Fluch aller – auch seiner Geliebten Matréna, deren Vater der neue Herrscher in seiner Hybris ermorden läßt.
Und doch fokussiert sich Grandval auf die einzige Frauenfigur ihrer Oper: Ihre und unsere Sympathie gilt eindeutig Matréna, dieser unschuldig Liebenden, der übel mitgespielt wird. So wird sie von Mazeppa gezwungen, sich für ihn und damit gegen ihren Vater und ihren Verlobten Iskra zu entscheiden. Die Erkenntnis, sich in Mazeppa getäuscht zu haben, treibt sie in den Wahnsinn – und in den Tod. Schon in der konzertanten Aufführung mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Rundfunkorchester unter Mihhail Gerts 2025 im Münchner Prinzregententheater brillierte die hinreißende Sopranistin Nicole Car in dieser zentralen Rolle mit dramatischer Verve und lyrischer Emphase. Dass auch ihre beiden Gegenspieler mit dem sonoren Bariton Tassis Christoyannis als Mazeppa und dem fabelhaft höhensicheren Tenor Julien Dran als Iskra sowie die übrigen Partien überzeugend besetzt waren, dokumentiert der Mitschnitt, der in Koproduktion mit BR Klassik kürzlich beim Eigenlabel der verdienstvollen Stiftung Palazzetto Bru Zane – Centre de musique romantique française als opulentes CD-Buch erschienen ist. Auf diese Ersteinspielung folgte am 15. März 2026 die erste Mazeppa-Inszenierung in Dortmund, die packend auch die Bühnentauglichkeit und Aktualität von Grandvals Oper bewies.
(Un)Veiled – Women Composers through the19th and 20th Centuries (Da Vinci Classics)
Der Titel dieses Albums ist ein Wortspiel. Es ist nun aber nicht so, dass die aus Bologna stammende Pianistin Sara Bacchini hier Klaviermusik von Komponistinnen „enthüllt“ hätte, die bislang in der Mottenkiste der Musikgeschichte verstaubt wäre. Clara Wieck (verheiratete Schumann) und Fanny Hensel (geborene Mendelssohn Bartholdy) gehören längst zu den bekanntesten Namen, das gilt weitgehend auch für die Französin Cécile Chaminade und die Amerikanerin Amy Beach. Für die gleichwohl missliche Lage dieser und anderer Komponistinnen findet der ansonsten weitschweifige Begleittext ein treffliches Bild: „Die Geschichte hat den Musikkanon oft wie eine Porträtgalerie von Vätern rund Söhnen gestaltet, während jenseits der Bilderrahmen Frauen Musik schrieben, deren Kraft keiner Erlaubnis bedurfte.“ Gemeint ist wohl: Wo man nicht um Erlaubnis fragen musste, um sich schöpferisch auszudrücken, etwa im abgeschotteten häuslichen Bereich, im heimischen Salon oder allein am Klavier.
Bacchinis Zusammenstellung von Charakterstücken ist abwechslungsreich und bietet drei komplette Werkzyklen. Amy Beach vereint in ihrem Opus 28 eine schwermütige Barcarolle, eine Stilkopie eines altertümlichen italienischen Menuetts und – kurz nach Tschaikowskys Nussknacker – einen etwas anderen Blumenwalzer. In den vier Charakterstücken op. 5 der 15-jährigen Clara Wieck geht es ziemlich wild und harmonisch kühn zu – zwei davon sind ja auch als Hexensabbat und Ballett der Wiedergänger überschrieben. Die teils von Figuren aus der Commedia dell‘arte inspirierten Einzelstücke von Cécile Chaminade haben tänzerischen Charakter. Um den Charme, die Poesie, den Stimmungsgehalt dieser Musik herauszukitzeln, bräuchte es allerdings einen deutlich brillanteren pianistischen Zugriff; auch der Klavierklang ist recht stumpf. Am besten gelingen Sara Bacchini die vier Lieder op. 8 von Fanny Hensel, ungemein ausdrucksstarke „Lieder ohne Worte“. Die Urheberschaft dieses Genres ist nicht ganz klar: War es Fanny, die diesen Begriff erfand – oder doch ihr Bruder Felix?
Martines: The Complete Keyboard Works (Signum Classics)
Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert ist die Zahl der uns mittlerweile bekannten Komponistinnen aus dem 18. Jahrhundert überschaubar. Umso bedeutsamer ist das aktuelle Doppelalbum, das die komplette Musik für Tasteninstrumente von Marianna Martines präsentiert – soweit sie erhalten ist, muss man hinzufügen. Denn die vier, von der Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld editierten und hier zum ersten Mal eingespielten Klavierkonzerte von Martines sind die derzeit einzig verfügbaren von ursprünglich 12; der große Rest gilt als verschollen. Genauso verhält es sich mit den Klaviersonaten von Martines: Von den 31 (!) vermuteten Werken sind nur drei erhalten und ergänzen das stilistische Gesamtbild, das ihre Klaviermusik vermittelt. Ihre Doppelrolle als Komponistin und Interpretin eigener Werke erlaubt auch Rückschlüsse auf ihr künstlerisches Selbstverständnis.
Marianna Martines (1744–1812) war eine Größe im Wiener Musikleben, die in der Obhut des weltberühmten Librettisten Pietro Metastasio aufwuchs, von Joseph Haydn Unterricht im Cembalospiel bekam, von Nicola Antonio Porpora in Gesang und von Johann Adolph Hasse in Komposition unterwiesen wurde – alles prominente Namen damals. Neben ihren künstlerischen Aktivitäten als Sängerin, Tastenvirtuosin und Pädagogin war Martines, die unverheiratet blieb, eine hochgeschätzte Gastgeberin in ihrem Wiener Salon. Sogar Vater und Sohn Mozart schauten gern vorbei, wie der irische Musiker Michael Kelly überliefert hat: „Mozart war fast immer auf ihren Gesellschaften zu Gast, und ich habe gehört, wie er mit ihr Duette auf dem Pianoforte spielte, die er selbst komponiert hatte. Sie war eine seiner großen Favoritinnen.“
Einen umfassenden Höreindruck dieses vernachlässigten Kapitels der Wiener Klassik, das vom Dreigestirn Haydn-Mozart-Beethoven dominiert wird, vermittelt nun die aus Israel stammende, in New York lebende Pianistin Idith Meshulam Korman auf einem modernen Bechstein-Flügel. Zusammen mit der in Alaska geborenen, in Großbritannien lebenden Dirigentin Cayenna Ponchione-Bailey und dem Oxford Philharmonic Orchestra erweckt Meshulam Korman mit ihrem leichthändigen Anschlag die brillante, empfindsame und elegante Musik von Martines zum Leben. Das Kammerorchester aus Oxford begleitet mit wenig Vibrato und federndem Esprit durchaus historisch informiert. Vieles sprudelt in galanter Geläufigkeit dahin, ist unterhaltsam im besten Sinne. Aber in den langsamen Mittelsätzen der Klavierkonzerte findet Martines zu einer ruhig fließenden, schwebenden Kantabiliät, in den überraschenden Moll-Wendungen der Ecksätze zu einer tieflotenden Ausdrucksintensität. Das gilt auch für die drei eingespielten Klaviersonaten, unter denen die Scarlatti-haft pointierte in E-Dur originell herausragt. Und als pfiffige Dreingabe bietet Ponchione-Bailey mit The Oxford Philharmonic noch die kleine Sinfonia in C-Dur von Martines, ihre einzige – eher eine Ouvertüre für eine imaginäre neapolitanische Oper als eine klassische Symphonie. Hier überrascht sie sogar mit Paukenbegleitung, die in der Partitur gar nicht vorgesehen ist!
Dedicatoria – Carmen Guzmán (Pixaudio)
In eine ganz andere Welt, nämlich nach Südamerika, führt das aktuelle Album Dedicatoria der britischen Gitarristin Eleanor Kelly; der Titel ist Spanisch und bedeutet Widmung. Dedicatoria heißt auch eines der 15 Gitarrenstücke der argentinischen Komponistin Eduardina Carmen Guzmán de Pérez (1925–2012), der Kelly ein ganzes Album gewidmet hat. Guzmán stammt aus Mendoza, leistete als Sängerin, Songwriterin, Komponistin, Gitarristin und Lehrerin Pionierarbeit. 1944 begann ihre Beschäftigung mit der lateinamerikanischen Tango-Tradition, die Guzmán aufgriff und weiterführte – in ihren Kompositionen, die teilweise in Zusammenarbeit mit bedeutenden argentinischen Dichtern entstanden, schlug sie eine Brücke zwischen klassischer Musik und Folklore. Guzmán stand auch der Nueva Canción-Bewegung nahe, die Züge des politischen Protestlieds mit der Erneuerung des Genres verband. Legendär sind ihre gemeinsamen Auftritte mit Größen wie Aníbal Troilo oder Mercedes Simone in Buenos Aires und anderswo: „Diese Zeit war schön. Ich erinnere mich, dass Piazzolla mir immer sagte: ‚Komm schon, Brownie, nimm‘ Deine Gitarre und singe mir eine Milonga!‘“, also jene Sonderform oder auch Vorläuferin des Tango Argentino.
Mit Dedicatoria ist Eleanor Kelly ein kleines, feines Album gelungen, das zur Hälfte aus Ersteinspielungen besteht. Technisch souverän und klanglich subtil, bringt Kelly genau das richtige Feeling für Guzmáns elegische Musik mit, die von sanfter Melancholie umflort ist – nur der eine oder andere Walzer sorgt für heiteren Schwung. Während der Titelsong nostalgisches Flair verströmt, ist Tango para Billy – eine Hommage an Guzmáns Ehemann, den Pianisten Pedro Belisario Pérez – ein Paradebeispiel für das Genre. Ein Lebensgefühl drückt sich in dieser schwermütigen Musik aus, das mit dem bezaubernden Titel Cae la tarde stimmig beschrieben wäre: Es wird Abend.
Leokadiya Kashperova: Piano Concerto op. 2 / Symphony op. 4 (Capriccio)
Über manche Komponistinnen ist die Musikgeschichte gnadenlos hinweggegangen – so firmierte die russische Komponistin, Pianistin und Dirigentin Leokadiya Kashperova (1872–1940) bis zu ihrer Wiederentdeckung vor einem Jahrzehnt bloß als „Klavierlehrerin von Igor Strawinsky“. Dabei hatte sich Kashperova, ausgebildet beim Klaviertitan Anton Rubinstein am Sankt Petersburger Konservatorium, dort und in Moskau früh als Konzertpianistin und Kammermusik-Komponistin etabliert. Über Kashperovas Klavierspiel äußerte sich ihr Schüler Strawinsky zwar wohlwollend – über ihre Kompositionen schwieg er sich aber aus. Zu Unrecht, wie ihre beiden umfangreichsten symphonischen Werke zeigen, die 1907 immerhin von den Berliner Philharmonikern nachgespielt wurden, seither in der Versenkung verschwunden sind – und jetzt zum ersten Mal auf CD vorliegen, koproduziert von Deutschlandfunk Kultur.
Das ist auch ein Verdienst des unermüdlichen Musikforschers und Pianisten Oliver Triendl, der unzählige Repertoireschätze gehoben und eingespielt hat. Nun präsentiert er also das spätromantisch aufrauschende Klavierkonzert von Leokadiya Kashperova, das dem Solisten vollgriffige Akkorde und brillante Figurationen abverlangt. Triendl beherrscht beides, die große Pranke und das virtuose Tastengeglitzer. Der majestätisch auftrumpfende Kopfsatz bietet aber auch lyrisch versonnene Momente, die Triendl mit dem exzellenten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der russischen Dirigentin Anna Skryleva feinsinnig auskostet. Das träumerisch-schwärmerische Adagio verbreitet Rachmaninow-Flair, bevor eine federnde Polonaise für einen festlichen Ausklang sorgt. Dieses Klavierkonzert von Leokadiya Kashperova, das sich nahtlos in die spätromantische Tradition ihrer berühmten Kollegen einreiht, ist fraglos ein Wurf – und wäre für alle Starpianist*innen eine dankbare Alternative zum sattsam bekannten Standardrepertoire.
Noch stärker als in ihrem Klavierkonzert greift Kashperova in ihrer monumentalen Symphonie auf Themen aus der russischen Volksmusik zurück. Wie im Finale ihres Klavierkonzerts gibt es auch im Kopfsatz ihrer Symphonie eine traumhaft schöne Passage mit Solovioline und Solocello, was auf ihre reiche Kammermusik-Erfahrung verweist. Dirigentin Anna Skryleva entlockt auch den Holzbläsern des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin idyllische Kantilenen, um den Klang dann wieder opulent aufblühen zu lassen. Mit ihrem Melodienreichtum, ihren markanten Rhythmen und ihrem leidenschaftlichen Pathos mag Kashperovas Symphonie in direkter Tschaikowsky-Nachfolge entstanden sein – eine eigenständige kompositorische Stimme äußert sich hier dennoch kraftvoll.
Cécile Chaminade: Piano Trios Nos. 1 & 2 (Da Vinci Classics)
Von der Französin Cécile Chaminade (1857–1944) hat es immerhin ein Werk auf die Liste der Klassik-Hits geschafft: Ihr charmantes Flöten-Concertino, das sie 1902 als Prüfungsstück für das Pariser Konservatorium schrieb. Ihr Vater missbilligte zwar ihre musikalische Ausbildung, konnte ihren Erfolg aber nicht aufhalten, zumal kein Geringerer als Georges Bizet ihr Talent schon früh gelobt hatte. Bereits als pianistisches Wunderkind machte sie mit kleinen Kompositionen Furore. Auf ihren Tourneen in London und in den USA bildeten sich eigene Chaminade-Fanclubs. Als erste Frau wurde die produktive Komponistin 1913 in die französische Ehrenlegion aufgenommen, wovon sogar noch ein Film existiert! Immerhin der Konservatoriums-Direktor Ambroise Thomas konstatierte: „Dies ist keine komponierende Frau, sondern ein Komponist, der eine Frau ist“ – wenn auch ein eher zweifelshaftes Kompliment.
Ihre beiden Klaviertrios hat nun eine junges Ensemble aus Italien eingespielt, das sich aus der Geigerin Sara Pastine und der Cellistin Martina Biondi sowie der russischen Pianistin Tatiana Larionova zusammensetzt. Das Niveau der drei ist erstaunlich hoch, denn das Trio hat sich 2024 nur projektweise für Konzerte in einer kleinen Stadt an der Adria zusammengefunden. Man hört den drei Musikerinnen gerne zu, wie sie sich in Chaminades Werken die Bälle zuspielen, wie sie mit melodischem Schmelz, federndem Drive und frischem Musiziergeist Chaminades Klänge aufblühen lassen.
Irgendwo zwischen Klassizität und deutscher Romantik angesiedelt, entwickelt Cécile Chaminade in ihren beiden Klaviertrios polyphone Dichte und dramatische Verve. Während das g-Moll-Trio mit einem funkensprühenden Scherzo aufwartet, einem Kabinettstück sondergleichen, bietet das reifere a-Moll-Trio einen besonders ausdrucksstarken Mittelsatz, der zu Herzen geht. Auch die zugegebenen drei Charakterstücke für Violine und Klavier sind Jugendwerke Chaminades, die Sara Pastine mit blitzsauberer Intonation und zündender Virtuosität meistert, von Tatiana Larionova gekonnt begleitet. Ein rundum empfehlenswertes Album!
Johanna Senfter: Symphonies Nos. 1 & 9 (Capriccio)
Dass sich jede Komponistin, jeder Komponist beim Schreiben von Symphonien an Beethoven zu messen habe, war auch für die 1879 im rheinhessischen Oppenheim geborene und 1961 dort gestorbene Johanna Senfter keine Frage. Aus einer wohlhabenden Industriellen-Familie stammend, wurde ihr musikalisches Talent früh gefördert, am Frankfurter Konservatorium ausgebildet und durch ihr Leipziger Studium bei Max Reger in professionelle Bahnen gelenkt. Wie Beethoven hinterließ Senfter neben vielen anderen Werken neun Symphonien. Während die Darmstädter Uraufführung ihrer Ersten Symphonie 1918 der Komponistin einen schönen Erfolg einbrachte, wurde ihr dies mit der Neunten zu Lebzeiten nicht zuteil – offen bleibt im Booklet, wann und ob diese Symphonie überhaupt uraufgeführt wurde. Jetzt kann man sie endlich hören, dank der soliden Ersteinspielung durch die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der kalifornischen Dirigentin Chelsea Gallo, die zusammen mit Senfters Erster Symphonie in Koproduktion mit SWR Kultur entstand.
Die Gegenüberstellung ist spannend. Der Kopfsatz von Senfters symphonischem Erstling in F-Dur offenbart mit seiner schillernden Chromatik und seinem Modulationsreichtum unüberhörbar den Einfluss ihres Mentors Max Reger, Richard Wagners Harmonik hat gleichfalls deutliche Spuren hinterlassen – wellenförmig an- und abschwellende Klänge bestimmen Senfters spätromantische Ausdruckswelt. Sattes Schwelgen wechselt mit zart aufblühenden Lyrismen. Dunkel leuchtet der ausdrucksvolle langsame Satz, bevor ein heiterer Marsch Senfters Erste Symphonie hymnisch beschließt. Ihr symphonisches Vermächtnis, die Neunte von 1949, ist ein ganz anderes Kaliber – kein Wunder nach den Erfahrungen zweier Weltkriege. Unheilvolle Fanfaren und Paukenwirbel künden vom düsteren Grundcharakter dieser es-Moll-Symphonie über den Choral Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Tatsächlich hat Senfter, die eine große Bach-Verehrerin war, die Choralmelodie in allen vier Sätzen ihrer großformatigen Symphonie in Fragmenten, Variationen oder komplett eingearbeitet. Immer wieder bäumen sich ihre von Seufzer-Motivik durchdrungenen Klagegesänge auf, mit wildgezackten Rhythmen bricht das Finale an, dramatisch verdichtet sich das Klanggeschehen – und mündet in eine nach allen Regeln der Kunst aufgetürmte, virtuos verhakte Fuge, wie sie auch für Regers Schaffen so typisch ist. Erst mit dem strahlenden Schluss in Es-Dur lässt Senfter einen Hoffnungsschimmer zu.
Anna Bon: Sei sonate per il cembalo op. 2 (Tactus)
Anna Bon di Venezia hat es Mitte des 18. Jahrhunderts geschafft, als professionelle Komponistin an europäischen Höfen Karriere zu machen. Ihre Herkunft steckt schon in ihrem Namenszusatz: Geboren 1738 in Bologna, trat Anna Bon bereits als Kind ins venezianische Ospedale della Pietà ein, eine von vier Musikschulen für Mädchen in der Lagunenstadt. Vom Ruhm Antonio Vivaldis, der dort Anfang des 18. Jahrhunderts lehrte, hat auch Anna Bon profitiert – als Studentin bei einer Schülerin Vivaldis. Als Tastenvirtuosin, Sängerin und Komponistin machte Bon von sich reden, vor allem in Venedig, am Hof der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth und in Nürnberg, wo ihre Kompositionen im Druck erschienen. Viel weiß man nicht über ihr kurzes Leben; um 1767, ihrem vermuteten Todesjahr, verlieren sich ihre Spuren.
Veröffentlicht hat Anna Bon di Venezia vor allem drei Werksammlungen, gebündelt zu je sechs höfischen Sonaten. Zwei dieser Zyklen sind für Flöte und Basso continuo gesetzt, einer – Bons Opus 2 von 1757 – für Cembalo solo, den sie der Prinzessin Ernestine Auguste Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach gewidmet hat. Und diese sechs Sonaten, alle dreisätzig nach dem Schema schnell-langsam-schnell aufgebaut, stellt die junge Pianistin Annarosa Partipilo, 1996 in Bari geboren, jetzt zum ersten Mal auf einem historischen Hammerklavier vor. „Diese Sonaten bieten eine fesselnde Balance zwischen dem aufkommenden galanten Stil und dem barocken Erbe“, schreibt Partipilo im Booklet – und übertreibt damit nicht.
Das von ihr verwendete Wiener Pianoforte aus der Zeit um 1800 besitzt einen Kniehebel, der ihr dynamische Abstufungen erlaubt, was Bons elegant dahinschnurrender Musik gut bekommt. Besonders ausdrucksvoll und kantabel sind ihr die langsamen Sätze gelungen, während die Kopfsätze der vierten und fünften Sonate mit ihrer spätbarocken Pracht an Bach erinnern. Und die sechste bietet zum Schluss einen rokokohaften Variationssatz, dessen Brillanz Annarosa Partipilo mit ihrem perlenden Anschlag gewitzt auskostet. So dass sie mit Recht behaupten kann: „Anna Bon war eine junge Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt mit einer originellen und unverwechselbaren Stimme ihren Platz eroberte.”
Unerhörte Komponistinnen (Genuin)
Zum Schluss noch ein CD-Tipp in eigener Sache. Zwar ist das Debüt-Album des Ensembles Horizons Unerhörte Komponistinnen bereits vor einem Jahr erschienen. Aber der in Tübingen beheimatete Kammerchor hat die Serie seiner Release-Konzerte im April nach Auftritten in Stuttgart und Augsburg in Frankfurt beschlossen – und dieses Konzert wurde in Kooperation mit dem Archiv Frau und Musik veranstaltet. Ein Grund mehr, um auf das Album Unerhörte Komponistinnen aufmerksam zu machen, das immerhin für den Preis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert war. Entstanden ist das Programm zum 1. Tübinger Komponistinnen-Festival 2023 – und wurde deshalb rund um die in Tübingen lebende Romantikerin Josephine Caroline Lang (1815–1880) sowie ihre Zeitgenossinnen Clara Schumann (1819–1896), Fanny Hensel (1805–1847) und Emilie Zumsteeg (1796–1857) konzipiert. Kürzlich wurde in Tübingen sogar eine eigene Josephine-Lang-Gesellschaft gegründet.
Vom ersten Ton der Vater Unser-Vertonung von Luise Adolpha Le Beau (1850–1927) an begeistert das von Matthias Klosinski gegründete und geleitete Ensemble Horizons durch seinen betörend reinen, glasklaren Chorklang. Wie der Großteil der präsentierten A cappella-Sätze sind auch die kompletten Chorwerke von Lang Ersteinspielungen – vor allem ihr rekonstruiertes, enorm ausdrucksvolles Cyrie ist ein Highlight des Programms, das ganz überwiegend geistlicher Chormusik gewidmet ist. Eine echte Entdeckung ist der 143. Psalm in der harmonisch progressiven, doppelchörigen Vertonung von der Wahl-Tübingerin Marianne Wahl-Stoll (1911–2012). Und dass das Ensemble Horizons auch innovative Vokaltechniken wie Clusterbildung oder Sprechgesang meisterhaft beherrscht, demonstriert es mit zeitgenössischen Chorwerken von der Slowakin Iris Szeghy (geb. 1956), der Engländerin Cecilia McDowall (geb. 1951) und der ukrainisch-estnischen Komponistin Galina Grigorjewa (geb. 1962). Mit Grigorjewas In Paradisum setzt das Ensemble Horizons zum Ausklang ein Zeichen und überwältigt durch seine Klangschönheit. Wie die flächigen Klänge in dieser Komposition zu einem sphärischen Hallraum aufblühen – wem würde da nicht das Herz aufgehen?
