Autorin: Maria Hofmann
In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats Juni ist Cosima Sophia Osthoff: „Das Einzige, was sich wirklich [auf die Zuhörer*innen] überträgt, ist, ob da vorne mit Liebe gearbeitet wird!“[1]
Cosima Sophia Osthoff wurde am 7. Juli 1963 in Aachen geboren und lernte als Kind Klavier. Ihre Eltern gewährten ihr große Freiheit hinsichtlich ihres Berufswunsches: „Es hieß immer: Alles ist möglich – du kannst Chemie studieren oder Eisenhüttenkunde, oder du kannst Flieger werden, wenn du das möchtest.“ [2] An der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart studierte sie ab 1983 Klavier und Orchesterdirigieren und absolvierte anschließend ein Kapellmeisterexamen für Oper in Karlsruhe. Meisterkurse belegte sie unter anderem bei Gerd Albrecht, Rodolfo Saglimbeni, George Hurst und Simon Rattle.
Bereits während ihres Studiums verfolgte Cosima Sophia Osthoff eine zielstrebige Karriere als musikalische Assistentin und als Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung am Theater Lübeck und später am Staatstheater Oldenburg. Ab 1997 war sie erste koordinierte Kapellmeisterin und Studienleiterin am Landestheater Coburg und gründete im gleichen Jahr die Oldenburger Orchesterakademie für Studierende. Über das Abschluss-Sinfoniekonzert der 3. Akademie 1999 schrieb die Borkumer Zeitung: „Mit der ihr eigenen Vitalität gelang der Dirigentin eine großartige interpretatorische Werkdurchdringung, wobei sie mit deutlicher Gebärde dem Orchester viel an rhythmischer Variabilität, ernstem Gleichmaß und mitreißenden Steigerungen abverlangte.“ Als erste Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin war sie ab 1999 am Theater in Trier tätig, bevor sie 2001 ebenfalls als erste Kapellmeisterin ans Musiktheater im Revier nach Gelsenkirchen wechselte. Als Gastdirigentin dirigierte sie unter anderem das Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, die Düsseldorfer und Nürnberger Symphoniker, die neue Philharmonie Westfalen und das Kurpfälzische Kammerorchester Mannheim.
Bei ihrer musikalischen Arbeit liegt Cosima Sophia Osthoff die persönliche Beziehung zu den Musiker*innen am Herzen. Außerdem betont sie, dass es notwendig ist, Begeisterung für die Werke zu vermitteln: „Wer dirigieren will, darf keine Angst haben, muss technisch wirklich sattelfest sein und manchmal auch Zähne zeigen können. Außerdem muss man sich beim Dirigieren total öffnen können. Sonst erreicht man das Orchester nicht, kriegt es nicht auf die Stuhlkante. Wenn es funktioniert, kann das zu großartigen Momenten führen.“[3] Obwohl Cosima Sophia Osthoff so gut wie keine weiblichen Vorbilder hatte, wurde sie sehr erfolgreich. Dennoch war sie des Öfteren mit äußerlichen Bewertungen der Presse, unabhängig von ihrer Leistung als Dirigentin, konfrontiert: „Ich habe lange versucht, mich dem so gut es ging zu verweigern. Am Anfang war ich manchmal ziemlichem Sexismus ausgesetzt.“ [4] Sie beschreibt, dass es auch heute noch wichtig ist, die Situation von Dirigentinnen zu verbessern: „An der Oberfläche sieht es gut aus, aber wenn Sie eine Schicht tiefer gehen oder hinter die Kulissen schauen, sind die meisten Strukturen wie gehabt. Und in gewissen Abständen erscheint in einer Zeitung ein Artikel über Dirigentinnen, aus dem hervorgeht, dass alles viel besser geworden ist. Und dann geht es weiter wie zuvor.“ [5]
2008 wurde Cosima Sophia Osthoff als Dirigierprofessorin an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim berufen und war 2020 immer noch die einzige Professorin für dieses Fach in Deutschland. Seit 2010 ist sie die musikalische Leiterin des Instituts für Musiktheater und betreut mit Prof. Stefan Blunier den Bereich Orchesterdirigieren. Außerdem hat sie die Professur für Orchesterdirigieren mit dem Schwerpunkt Oper am Landeszentrum für Dirigieren Baden-Württemberg inne, das Dirigier-Studierende durch Workshops und praktische Erfahrungen fördert. Als Professorin kann Cosima Sophia Osthoff nun junge Dirigentinnen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen fördern und ihnen das Vorbild sein, das ihr selbst früher fehlte: „Das ist der Vorteil an meiner neuen Rolle – ich kann Frauen ermutigen, etwas zu wagen, woran sie selbst vielleicht gar nicht gedacht haben.“ [6]
Zusammenfassung
„Das Einzige, was sich wirklich [auf die Zuhörer*innen] überträgt, ist, ob da vorne mit Liebe gearbeitet wird!“ – Cosima Sophia Osthoff
- * 7. Juli 1963 in Aachen
- Studium: Klavier und Orchesterdirigieren an Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, Kapellmeisterexamen für Oper in Karlsruhe
- Solorepetitorin mit Dirigierverpflichtung: Theater Lübeck, Staatstheater Oldenburg
- 1997: Gründung Oldenburger Orchesterakademie
- Erste Kapellmeisterin: Landestheater Coburg, Theater Trier, Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
- Bedeutung beim Dirigieren: persönliche Beziehung zu Musiker*innen, Begeisterung für Werke weitergeben
- Seit 2008: Dirigierprofessorin an Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim; seit 2010: Musikalische Leiterin des Instituts für Musiktheater Mannheim -> Vorbild für junge Dirigentinnen
Video: Vorstellung Landeszentrum Dirigieren Ba-Wü
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Einzelnachweise und Nachweise:
[1] E. M. Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, S. 183.
[2] Interview von Judith von Sternburg (06.03.2020), in: Frankfurter Rundschau.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Ebd.
[6] Ebd.
https://www.muho-mannheim.de/lehrende/lehrenden-liste
https://www.dirigentinnen.de/1osthoff.htm
https://www.fr.de/kultur/musik/orchester-werden-ueberwiegendweiblich-besetzt-sein-13583580.html (Interview am 06.03.2020)
Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young. Hamburg: 2003.
