Als „szenische deutsche Erstaufführung“ hatte die Oper Dortmund ihre Premiere von Clémence de Grandvals Historienoper Mazeppa am 15. März 2026 angekündigt. Ein Besuch dieser spannenden Produktion lohnt sich unbedingt, meint unser Kritiker Fridemann Leipold – nächste Gelegenheit dazu bietet sich am 2. und 15. Mai.

SUPERMAN ÜBER DORTMUND
Da fliegt er dahin auf einer bühnenfüllenden Leinwand, der Superman alias Mazeppa, befreit seine geliebte Matréna aus den Fängen eines Schurken und landet mit ihr mitten in einem futuristischen Dortmund. Alles da, das BVB-Stadion, der Florianturm im Westfalenpark, das Kunstzentrum mit seinem gigantischen U auf dem Dach – ein Aha-Erlebnis fürs Publikum im imposanten 60er-Jahre-Opernhaus von Dortmund. Der Videokünstler Vincent Stefan hat spektakuläre Bilder zur filmreifen Ouvertüre von Clémence de Grandvals Oper Mazeppa kreiert, die mit aufgepeitschten Rhythmen und heroischen Tönen die Spannung anheizt. Tatsächlich entpuppt sich ihr historisch-politisches Lehrstück über den Aufstieg und Fall eines Antihelden in der Dortmunder Produktion als hochaktuelles Psychodrama.
WAHRHEIT UND LEGENDE
Erstaunlich genug, dass die Aristokratin Clémence de Grandval (1828–1907), eine der produktivsten und markantesten Stimmen der französischen Romantik, Lieblingsschülerin von Saint-Saëns, nur acht Jahre nach Tschaikowskys Mazeppa-Oper 1892 eine eigene Vertonung desselben Stoffes in Bordeaux zur Uraufführung brachte. Allerdings war das Schicksal des ukrainischen Kosakenführers Mazeppa, einer Figur, in der sich historische Wahrheit und Legendenbildung vermischen, damals sehr populär. Grandvals Librettisten Charles Grandmougin und Georges Hartmann haben die Story vereinfacht und auf nur fünf Personen sowie Chor reduziert. Und der Komponistin ist das Kunststück gelungen, mit ihrem sechsten und letzten Bühnenwerk zwar ein Prachtexemplar einer genretypischen fünfaktigen Grand Opéra samt obligatorischer Balletteinlage zu schaffen, das musikalische Geschehen aber auf gute zwei Stunden zu verdichten.
HOCHMUT KOMMT VOR DEM FALL
Dennoch bleibt die Handlung um den ukrainischen Nationalhelden komplex: Erst besiegt Mazeppa die feindlichen Polen, später wechselt er die Seiten, paktiert gegen den Zaren mit den Schweden, was sein Rivale um die Gunst der Fürstentochter Matréna, ihr Verlobter Iskra, als Verrat am ukrainischen Volk entlarvt. Verständlich, dass Regisseur Martin G. Berger alle aktuellen Bezüge zum russischen Überfall auf die Ukraine vermeiden wollte. Berger verzichtet auf Lokalkolorit und Folklore, stattdessen zeigt er eine eindringlich-zeitlose Parabel eines Outcasts, der zum Heerführer aufsteigt, seiner Hybris erliegt und zu Fall kommt – Macht korrumpiert bekanntlich.

VIELSCHICHTIGE CHARAKTERE
Auf einer bühnenbreiten Treppe mit variablen Hubpodien, konzipiert von Szenenbildnerin Sarah-Katharina Karl, demonstriert Berger durch gekonnte Chorregie die schon bei Grandval angelegte Verführbarkeit der Masse. Den pompösen Siegestaumel des Volkes für den überlebensgroßen Iron Man konterkariert er brutal durch eine Armee von Totenköpfen. Berger schlägt sich – erstmal überraschend – auf die Seite des unterlegenen Mahners Iskra, der zwar am Ende Recht behält, aber aus niedrigen Motiven wie Eifersucht und Rache handelt. Zwar zwingt Mazeppa Matréna mit Gewalt zum Schwur, sich ihm zu unterwerfen – andererseits aber zeichnet Berger Mazeppa auch liebevoll, wenn er zusammen mit Matréna in seinem Atombunker von der Unterbühne auf einem Motorrad ins All abhebt. Es sind diese Ambivalenzen, die Grandvals Figuren so menschlich machen. Die letzte, fatale Begegnung der beiden lässt Berger dann vor dem Eisernen Vorhang auf einem Steg vor dem Orchestergraben spielen: Die sterbende Matréna verflucht den Verräter Mazeppa.
EIN HELDENMYTHOS WIRD ZERLEGT
Ein Zuviel an Pistolen-Gefuchtel und filmischem Kommentar, der etwa Mazeppas Ehrgeiz aus jugendlichen Gewalterfahrungen in Dortmunder Hinterhöfen zu erklären versucht, verwischt Bergers ambitioniertes Konzept gelegentlich. Vor allem der stumme Auftritt eines von Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter goldgewandeteten Bösen, dem Mazeppa verfällt, irritiert: Wer soll das sein, gar der Schwedenkönig? Auch wenn Bergers intelligentes Vexierspiel Fragen aufwirft – es ist ihm bildmächtig gelungen, den werkimmanenten Heldenmythos nachhaltig zu zertrümmern.
GRANDIOSE MUSIKALISCHE LEISTUNGEN
Grandvals Mazeppa bietet viel Stoff, an dem sich künftige Regisseur:innen die Zähne ausbeißen können. Vor allem Sänger:innen liefert sie dankbares Futter, bezaubernde Arien, effektvolle Ensembles, monumentale Chöre. Zwar tönen die Dortmunder Philharmoniker unter dem neuen kanadischen Generalmusikdirektor Jordan de Souza oft zu pompös-martialisch aus dem Graben, in den intimen Szenen des dritten Aktes sorgt er aber auch für lyrische Feinzeichnung. Grandios dagegen der stimmgewaltige Opernchor des Theaters Dortmund und vor allem das jugendliche, komplett aus dem Dortmunder Ensemble besetzte Solist:innen-Quintett, das Staatsopern-Format hat.

EINE FRAU IM FOKUS
Der südafrikanische Bariton Mandla Mndebele gibt dem Titelhelden stimmlich und darstellerisch machtvolle Statur, die anspruchsvolle Tenorpartie seines Gegenspielers Iskra bewältigt der Koreaner Sungho Kim bravourös. Die Bässe Artyom Wasnetsov und Denis Velev verleihen Matrénas störrischem Vater Kotchoubey und dem orthodoxen Archimandriten sonore Autorität. Und in der zentralen Rolle der Matréna, der einzigen Frauenfigur dieser Oper, die Berger im Programmheft zu Recht als „humanes Gewissen der Gesellschaft“ bezeichnet, findet die koreanische Sopranistin Anna Sohn zu einer dramatischen Intensität, die zu Herzen geht. Am Ende Standing Ovations eines begeisterten Publikums.
DORTMUNDER MISCHKALKULATION
Solche Raritäten wie Grandvals Mazeppa kann der Dortmunder Intendant Heribert Germeshausen durch Blockbuster wie Mozarts Le nozze die Figaro oder das Musical Grease zu Beginn dieser Spielzeit sowie durch das hauseigene Festivalformat Wagner-Kosmos gegenfinanzieren. 2024 präsentierte Germeshausen La Montagne Noire von Augusta Holmès, 2029 soll La Esmeralda von Louise Bertin folgen – wieder in Zusammenarbeit mit der verdienstvollen Stiftung Palazzetto Bru Zane, die das Erbe der französischen Romantik durch Forschung, Partitur-Editionen, Aufführungen und CD-Produktionen neu belebt. Am 14. Mai gibt’s erstmal eine eigens für Dortmund komponierte Uraufführung: In We hat die 1980 geborene Sarah Nemtsov einen hochaktuellen Stoff vertont, den dystopischen Kultroman Wir von Jewgeni Samjatin – auch das klingt wieder spannend. Nimmt man noch das Aalto-Musiktheater in Essen mit seinem seit 2024 jährlich stattfindenden her:voice-Festival dazu, muss man sagen: Im Ruhrpott haben Komponistinnen die Nase vorn!

