Autor: Fridemann Leipold
Die Oper Dortmund engagiert sich stark für Komponistinnen. Erst kürzlich hatte dort eine gefeierte Produktion von Clémence de Grandvals Mazeppa Premiere, am 14. Mai 2026 nun war in Dortmund die Uraufführung eines spektakulären Auftragswerkes zu erleben: Aus dem dystopischen Roman Wir von Jewgeni Samjatin hat die renommierte Komponistin Sarah Nemtsov, Jahrgang 1980, ihr multimediales Musiktheater We kreiert – ein enormer Kraftakt für alle Beteiligten.

DER ZEIT VORAUS
Opernpremieren haben wegen der aufwendigen Produktionsbedingungen immer eine lange Vorlaufzeit – und können deshalb kurzfristig kaum auf aktuelle politische Entwicklungen reagieren. Als Sarah Nemtsov 2020 den Dortmunder Auftrag bekam und durch ihren Mann, den Pianisten und Musikologen Jascha Nemtsov, auf den revolutionären Roman Wir von Jewgeni Samjatin aufmerksam wurde, wusste sie zwar sofort: Das ist das perfekte Sujet für meine neue Oper! Aber sie hätte sich nicht träumen lassen, dass ihr Musiktheater in der Zwischenzeit von den gegenwärtigen weltweiten Krisen geradezu überrollt werden und eine unerhörte Brisanz entwickeln würde.
EIN SCI-FI-PIONIER AUS RUSSLAND
Mit We lenkt Sarah Nemtsov – in Oldenburg geboren, bei Nigel Osborne in Hannover und Walter Zimmermann in Berlin ausgebildet – den Fokus auf ein faszinierendes Stück Science-Fiction-Literatur von 1920, das zu Unrecht im Schatten seiner weltbekannten Nachfolger steht. Schließlich haben sich Aldous Huxley in Brave New World und George Orwell in 1984 von Jewgeni Samjatins Meisterwerk inspirieren lassen. Samjatin, 1884 in Russland geboren, eckte mit seinem rebellischen Hauptwerk Wir politisch an, der Roman wurde 1923 in der Sowjetunion verboten. Stalin ließ Samjatin nach Paris ausreisen, wo er 1937 starb.

NAMEN- UND SEELENLOSE GESCHÖPFE
In seinem visionären Roman, der in einer uns immer näher rückenden Zukunft spielt, entwirft Samjatin die grauenerregende Dystopie eines Einheitsstaates, in dem alles gleich- und jegliche Individualität ausgeschaltet ist – deshalb der Titel Wir. Durch eine Grüne Mauer von der unkontrollierbaren Außenwelt abgeschirmt, ist das Leben aller Einwohner*innen, die keine Namen tragen, nur noch Nummern sind, streng reglementiert. Bis D-503, der Konstrukteur des interstellaren Raumschiffs Integral, aus dem System ausschert, sich in I-330, Anführerin einer Rebellion, verliebt und dafür die ihm zugeteilte Frau O-90 verlässt. Damit hat sich D-503 mit einer Krankheit namens ‚Seele‘ infiziert, die sich zu einer Epidemie auswächst. Doch der Staatsstreich fliegt auf, und die Aufständischen müssen sich auf Geheiß des mit eiserner Hand regierenden Wohltäters einem Eingriff unterziehen, bei dem ihnen die Fantasie, die Vernunft, das eigene Denken aus dem Gehirn operiert wird.
VON DER REALITÄT ÜBERROLLT
In einem atemlos gehetzten, erregt stammelnden Sprachduktus, der einer rauschhaften Fieberfantasie gleicht, berichtet eben jener D-503 in Wir als Ich-Erzähler in Tagebuchform von seinen Erlebnissen in diesem gläsernen Überwachungsstaat, in dem jegliches Gefühl als Bedrohung gilt und radikal ausgemerzt wird. Idealer Stoff für eine zeitgenössische Oper! Denn gut hundert Jahre nach der Veröffentlichung bietet Samjatins Horrorvision reichlich Potenzial: Corona und die Folgen, neue Kriege, autoritäre Regime, das Erstarken neofaschistischer, antisemitischer, fremdenfeindlicher Kräfte, die Klimakrise, die Macht Künstlicher Intelligenz. Sarah Nemtsov, selbst jüdischer Herkunft, hat das alles klar erkannt, sich ihr Libretto aus den Mono- und Dialogen des Romans eigenhändig zusammengestellt und – linear der narrativen Struktur der Romanhandlung folgend – in englischer Sprache vertont.

SYNTHETISCHE KLÄNGE
Konsequent hat Nemtsov das Instrumentarium ihrer riesig besetzten Partitur um Synthesizer, Keyboards, E-Gitarre und Drumset erweitert, elektronische Klänge aller Art eingesetzt, gesampelte Sounds, KI-generierte Effekte, durch Vocoder verfremdete Stimmen. Charakteristisch für ihre Musik zu We ist ein extrem fluides, flächiges Komponieren, schwere Toncluster überrollen das Publikum. Dazu kommen dunkel raunende, aber auch martialische Percussion-Attacken – oder auch mal nur das weiße Rauschen. In Surround umschwirrt imitiertes Vogelgezwitscher das Publikum, wenn ein verbotener Trip den Blick auf die undomestizierte Natur jenseits der Grünen Mauer freigibt. Während der homofon geführte, gleichsam ‚gleichgeschaltete‘ Chor die starre Masse symbolisiert, geht Nemtsov mit den Solostimmen recht individuell um. Das Spektrum reicht von ariosen Elementen, bruchstückhaften Kantilenen, großen Intervallsprüngen, Vokalisen und Glissandi bis zu fragmentierten Silben, Atemgeräuschen, gehauchten Lauten. Zentrale Auftritte haben der Bariton Daegyun Jeong als Staatsdichter wider Willen R-13 und der Countertenor David DQ Lee als tyrannischer Wohltäter. Beide philosophieren über die Glückssuche im biblischen Paradies und den richtigen Weg dahin – der Poet, indem er sich das Schicksal im Einheitsstaat schönredet, der Diktator, indem er mit blankem Zynismus für die Gehirnwäsche plädiert.

UNGEWOHNTES RAUMKONZEPT
Das apokalyptische Ende von Samjatins Roman hat Nemtsov als schockierenden Pre-Epilog an den Anfang ihrer Oper gesetzt: die Folterszene, in der I-330 erpresst werden soll, die Namen der Putschisten preiszugeben – was sie nicht tut. In der Dortmunder Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr ist diese Szene eine der beklemmendsten des Abends: auf einem Stuhl windet sich die ausdrucksstarke Sopranistin Gloria Rehm unter den zuckenden Stromstößen. In Nahaufnahme sieht man dazu ein blutüberströmtes Frauengesicht, das auf eine bühnenfüllende Spiegelwand projiziert wird. Ob im Alten Haus, einem nostalgischen Relikt früherer Jahrhunderte, in der üppig aufblühenden Natur jenseits der Grünen Mauer oder beim Probeflug des Integrals im All – das Videodesign von Krzysztof Honowski ist beeindruckend. Das Setting, das Höckmayr zusammen mit ihrem Bühnenbildner Fabian Liszt entwickelt hat, ist nicht neu: Das Publikum sitzt auf der Bühne, gespielt wird davor und im Zuschauerraum hinter dem Orchestergraben, der von Fabio Mancini engagiert geleitete Opernchor des Dortmunder Theaters steht oben im Parkett, im obersten Rang thront der Wohltäter. Dieses Konzept erlaubt der Regisseurin roboterartige Gruppen-Choreografien und dem Lightdesigner Florian Franzen attraktive Lichtwirkungen im weiten Auditorium.

IM AUGE DES SPIEGELS
Ebenfalls nicht neu ist die riesige, raffiniert durchlässige Spiegelwand vor dem Zuschauerraum, in der sich das Publikum selbst erkennt: Wir sind gemeint! Symbol auch für das staatliche Überwachungssystem im Stück. Und Höckmayr lässt ihre Darsteller*innen viel vor dieser Wand agieren, holt das Geschehen damit ganz nah ran ans Publikum, aus dem auch immer wieder Sänger und Statistinnen der Dortmunder Bürger*innenOper im Zivil auftreten und die Bühne stürmen. Höckmayrs abstrakte Inszenierung ist, inspiriert von der Spiegel-Metapher des Doktors, ein surreales Spiel zwischen Schein und Sein. Sie hat sich gegen einen futuristischen Sci-Fi-Realismus entschieden, arbeitet assoziativ, mit wenigen Requisiten, ganz auf die Figuren und da vor allem auf die Interaktion des Liebespaars D-503 und I-330 fokussiert. So könnte die Echokammer auf der Nebenbühne, in der Sebastian Berweck am Synthesizer und Seth Josel an der E-Gitarre im fünften Akt eine rockige Einlage hinlegen, sowohl die Kommandozentrale eines Raumschiffs als auch ein OP-Saal sein. Überdies macht der graue Einheitslook der uniformierten kahlköpfigen Masse – nur die Rebell*innen hat Kostümbildnerin Julia Rösler in rote Abendkleider gesteckt – die Orientierung für die Zuschauer*innen nicht leicht: Who is who? Wer den Roman nicht kennt, dürfte sich schwertun, der Handlung zu folgen. Zumal zusätzlich zu den deutschen Übertiteln noch permanent weitere Texte aus Samjatins Wir auf Englisch an die Spiegelwand projiziert werden.
RADIKALE ÄSTHETIK
Die Oper Dortmund hat keinen technischen Aufwand und keine Kosten gescheut, um Sarah Nemtsovs We zum Achtungserfolg zur verhelfen. Die Ensembleleistung kann man nur bewundern. Seth Carico bewältigt die anspruchsvolle, oft fragmentierte Baritonpartie von D-503 souverän und gibt dem zerrissenen Charakter dieses Antihelden markantes Profil. Dazu kommen Sooyeon Lee als leidenschaftlich um ihren Ingenieur kämpfende O-90 und Ruth Katharina Peeck als mysteriöse Hausverwalterin U-86, in Wahrheit Spionin und Spitzel. Und Dirigent Michael Wendeberg hält am Pult der Dortmunder Philharmoniker gekonnt alle Fäden zusammen in dieser monströsen Partitur mit ihren zahllosen Taktwechseln und vertrackten Rhythmen. Mit We hat Sarah Nemtsov ein hochkomplexes, sperriges Werk geschaffen, das für alle Beteiligten, Künstler*innen wie Publikum, eine Herausforderung ist. Ihre Musik ist ein Angriff auf alle Sinne – und gerät in Gefahr, unter dem Overkill der Effekte zu kollabieren. Das kaum durch kammermusikalische Momente unterbrochene Klangkontinuum verliert über zwei Stunden hin an Spannung. Im Mahlstrom der Musik würden die Stimmen untergehen, wären sie nicht verstärkt. Der Sounddesigner Joerg Grünsfelder hatte es sicher nicht leicht, die optimale Klangbalance herzustellen. Dennoch litt die Dortmunder Uraufführung unter einem gewissen Dezibel-Überdruck, bedingt vielleicht auch durch das akustisch ungünstige Raumkonzept. Umso bewegender dann der sanfte Hoffnungsschimmer am Schluss, wenn Nemtsov dem an der Welt irre gewordenen D-503 eine tröstliche Textpassage in den Mund legt, die bei Samjatin früher auftaucht: „If I only had a mother … My mother … She would hear what no one else could hear …“
