„Neugierig, feministisch, kontrovers“ – unter diesem Motto präsentierte Bettina Wackernagel schon zum 13. Mal im Berliner Radialsystem das Komponistinnen-Festival Heroines of Sound, das aktuellen Tendenzen von elektronischer Musik und Klangkunst auf der Spur ist. Im Fokus standen diesmal Künstlerinnen aus der asiatischen, insbesondere der japanischen Diaspora. Fridemann Leipold hat die drei langen Musiknächte zwischen 9. und 11. Juli 2026 für uns mitverfolgt.

DYSTOPISCHE KLANGLANDSCHAFT
Im Obergeschoss des Radialsystems mit Blick auf die Spree empfangen die Besucher*innen merkwürdige Klänge: ein tiefes Wummern und ein hohes Wimmern. Airchoir No. 2: Dirges for (26) Coded Organ Voices heißt die Klanginstallation der jungen Belgierin Anouk Kellner, die mit algorithmisch gesteuerten Frequenzen operiert – und die tönen aus bleiernen oder hölzernen Orgelpfeifen. Durch etliche Schläuche, die an ein Gebläse angeschlossen sind, fließt Luft und pumpt fallweise Plastikkissen und Kegel auf, die dann wieder zusammensacken. Durch diese dystopische Klanglandschaft wandelt die Performerin Kellner, unterbricht den Luftstrom an hölzernen Orgelpfeifen nach eigenem Rhythmus, hantiert mit Einweckgläsern und Gießkännchen, taucht metallene Orgelpfeifen ins Wasser und greift damit händisch ins vorprogrammierte Klanggeschehen ein. So entstehen die titelgebenden Klagegesänge, angestimmt von einem meditativen Luftchor aus codierten Orgelpfeifen. Das Ganze erweckt den Eindruck eines atmenden Organismus, der am Ende von Kellner brutal erstickt wird. Ein starker Opener für das 13. Elektronik-Festival Heroines of Sound.

MASCHINE MIT EIGENLEBEN
An vorderster innovativer Front agiert die in Japan geborene, in Berlin lebende Klangkünstlerin Kyoka, die an der Schnittstelle von Musik, Wahrnehmung und Neurobiologie arbeitet, bei ihrem Act Motion Scapes. Für ihre Uraufführung nutzte sie zufallsgenerierte Umwelt-DNA zur Sonifikation, also zur Umwandlung von wissenschaftlichen Daten in extrem räumliche Klänge. Und die steigerten sich von schnarrenden und blubbernden Sounds über rockige Beats und minimalistische Patterns in schönstem Dur bis zu verstörend körperlichen Lautstärke-Attacken – Embodiment pur. Im Video sieht man dazu Laborproben unter dem Mikroskop und unendlich scrollende Tabellen. Wie eine Zeremonienmeisterin steuert Kyoka die programmierten Klänge kybernetisch über Sensoren, die unsichtbar an ihrem Outfit angebracht sind – was eine aparte Choreografie rund um ihren Laptop zur Folge hatte. Dennoch gebe es ein Eigenleben der Maschine, verrät sie, man wisse nie genau, was im nächsten Moment passiere. Live-Elektronik entzog sich in Motion Scapes partiell also der Kontrolle der Performerin. Das machte Kyokas Forschungs-Experiment so spannend, auch wenn der tiefere Sinn diffus blieb.

KLASSISCHE ELEKTRONIK
Drei japanische Künstlerinnen waren bei Heroines of Sound mit Werken vertreten, die man am ehesten mit klassischer Elektronik verbindet: Eine Akteurin steht am Mischpult und dreht an den Reglern, um aus dem im Sequencer gespeicherten Datenmaterial ihr eigenes Sounddesign zu kreieren. Am traditionellsten wirkte die Musik von Midori Hirano, die im Lauf ihrer Performance Otonoma vom Synthesizer zum Klavier wechselte, auf dem sie harmonische Akkorde beisteuerte. Die anfängliche Düsternis löste sich zunehmend in Feelgood-Sound auf, der statische, spacige Klang hatte etwas Einlullendes. Kommentar aus dem erfrischend jugendlichen Publikum im Radialsystem: Das würde auch meiner Mutter gefallen … Weitaus herber und abstrakter geriet Yoko Konishis experimenteller Ansatz in Fluctuating Beings: Mutation. Mit Sensor-bestückten Handschuhen formte sie über einem Pappkarton, aus dem sie ihr geräuschhaftes Ausgangsmaterial generiert hatte, knirschende, knackende, sirrende, metallische, ständig fluktuierende Klänge, die immer wieder impulsiv erodierten – eine extrem dichte und dynamische Arbeit in effektvoller Surround-Beschallung. Nicht weniger faszinierend wirkte Miki Yuis Werk Transients, realisiert in einem quadrofonischen Setting. Noch nüchterner, ganz auf das Geräuschhafte reduziert, erzielte Yui mit ihren Klangsequenzen zu später Stunde magische Momente – die gleichwohl flüchtig, ja vergänglich sind, wie der Titel nahelegt.

GELUNGENE SYNTHESE
Highlights des Festivals waren die beiden Konzerte renommierter Kammerensembles für zeitgenössische Musik, die zeigten, wie facettenreich das Zusammenspiel von Live-Performance und elektronischer Technologie klingen kann. Fünf eindrucksvolle Beispiele für eine solche analog-digitale Synthese präsentierte das exzellente polnische Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble mit vollem Körpereinsatz. Ungeahnten Witz offenbarte Polka is a Czech Dance von der Japanerin Nina Fukuoka: Passend zu den ironischen Videos aus Business-Welt und Sushi-Werbung mit Barmusik telefonierten die neun Musiker*innen, hauchten in Megafone oder traktierten das Innere des Flügels. Obwohl die Polin Barbara Zach in ihrem Stück Conocybe filaris, das von der gleichnamigen tödlichen Pilzart inspiriert ist, vulnerable Klänge erzeugt, ist ihre bedrohlich anschwellende Musik relativ leicht zugänglich. Was man von den hochenergetischen crunch modes 3.0 von Eloain Lovis Hübner aus Norddeutschland nicht behaupten kann, einem krassen Stück Avantgarde, zu dem es im ungemein informativen Programmbuch zu Heroines of Sound zu Recht heißt: „Alles knirscht und kratzt, schabt und klappert, schnauft und pfeift und schreit. Es entsteht Reibung.“ Ähnlich ‚rough’ geht es in Motus Umbra von der bereits erwähnten Yoko Konishi zu, die eine brodelnde Ursuppe massiven Eruptionen aussetzt – es entsteht ein Klang, der an Weißes Rauschen oder die Sendersuche am Transistorradio erinnert. Alle möglichen Spieltechniken verlangte auch Żaneta Rydzewska ihren famosen polnischen Kolleg*innen vom Spółdzielnia Muzyczna Contemporary Ensemble ab, die in Rydzewskas eco stories zwischen Swing und Thriller auch als Performer*innen gefordert sind. Wenn dann zum Schluss vier Schlagwerker unter viel Bühnennebel eine Topfpflanze beatmen, gibt es kein Halten mehr im Publikum.

FEMMAGE AN EINE PIONIERIN DES GENRES
Das andere Live-Konzert hatte einen besonderen Anlass: Mit einem Porträtkonzert ehrte Heroines of Sound die in Berlin lebende Komponistin Iris ter Schiphorst zum 70. Geburtstag – sie ist dem Festival seit Beginn 2014 eng verbunden und hat sich nach ihrer Ausbildung zur klassischen Pianistin, nach Erfahrungen als Multi-Instrumentalistin in diversen Rock- und Popformationen längst als gewichtige Stimme der zeitgenössischen Musikszene etabliert. Schon früh experimentierte Iris ter Schiphorst mit der Einbindung von Elektronik in ihre Musik – und das zu einer Zeit, als die Technologie noch in den Kinderschuhen steckte. Fünf der sechs Stücke, die das fabelhafte Berliner ensemble mosaik präsentierte, verlangten zudem eine Vokalistin und Stimmartistin vom Rang Anna Clementis, einer engen Weggefährtin ter Schiphorsts.

GESELLSCHAFTSPOLITISCHES ENGAGEMENT
Die Werke Sometimes II und Breaking, beide dirigiert von der Britin Catherine Larsen-Maguire, beziehen ihre Inspiration aus dem Psychothriller Breaking the Waves von Lars von Trier – groovige, wildgezackte, widerständige Musik mit zugespielten Textfetzen ist das, von den zehn Ensemblemitgliedern auf elektronisch verstärkten und verfremdeten Instrumenten gespielt. In Transformationen nach dem Gedicht Diepe Tijd – Tiefe Zeit von der flämischen Schriftstellerin Dominique De Groen kommt ter Schiphorsts dezidiert politischer Ansatz zum Tragen: Es geht um unvorstellbare Zeiträume von Äonen nach einer nuklearen Umweltkatastrophe. Noch deutlicher wird ihre Haltung in meine – keine lieder / die aufgabe von musik, einer Hommage an Heiner Müllers zweite Ehefrau Inge Müller. Anhand zweier Gedichte von ihr und Notizen von Hannah Arendt zum Eichmann-Prozess prangert ter Schiphorst mit bohrend enervierenden, mikrotonalen Tönen von Bassklarinette und Klavier beziehungsweise Sample-Keyboard den deutschen Ungeist der NS-Zeit an, die gefühlskalte Dummheit und den Kadavergehorsam. Ihren schillerndsten Auftritt hat Anna Clementi in dem feministischen Solo Changeant. Da wechselt die grandiose Performerin virtuos die Rollen und Geschlechter, „walking like a woman and talking like a man“ – oder umgekehrt! Und als Rausschmeißer dieser imposanten Werkschau aus drei Jahrzehnten servierte Clementi, begleitet von einem Streichtrio, noch Anna’s Song von Iris ter Schiphorst, ein von irischer Folklore getränktes, hinreißendes Brettl-Lied.

SPIELARTEN DER ELEKTRONIK
Spannend zu beobachten war bei Heroines of Sound, wie unterschiedlich die Elektronik von den Komponistinnen eingesetzt wird. So mixte die Französin Marie Delprat, die am Pult wie eine DJ in der Disco agierte, in What Remains After Desire mittelalterliche sakrale Gesänge mit Bohrgeräuschen, um am Ende ihres Acts im harmonischen Wohlfühl-Bombast von Pop- und Rockmusik zu landen. Ein fesselnder Moment entstand, als die Musik schwieg, Delprat eine Blockflöte zur Hand nahm und eine barocke Melodie spielte, die sie dann mittels Live-Elektronik kanonisch und chorisch zum Hallraum ausweitete – ein perfektes Beispiel für gelungene Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Permanent auf alten Instrumenten hingegen spielten die exzellente Barockgeigerin und Blockflötistin Miako Klein sowie die kongeniale Cembalistin Jia Lim in ihrer nächtlichen Performance Nova Atlantis, in der sie originale Präludien, Chaconnen und andere barocke Tänze durch elektronische Effekte verhallten, verstärkten oder verschatteten. Da spitzten sich Skalen und Arpeggien der Geigerin bizarr zu, da geriet das Staccato des Cembalos in Schwingungen und begann zu vibrieren oder rastete mal atonal aus. Hochgetunter Barock war das Resultat – die alte Musik bräuchte das nicht unbedingt.

GRENZBEREICHE ELEKTRONISCHER MUSIK
Mit ihrer attraktiven Stimme punktete die als Radio Hito bekannte Vietnamesin Nguyễn Zen Mỹ. Bei ihrem folkloristischen italienischen Liederzyklus L’uso e gli attributi del cuore begleitete sich die Singer-Songwriterin mit ihrem Casio-Keyboard auf dem Schoß selber, mal mit orgelartigen Klängen, mal mit zugespielten Marimba-Repetitionen, mal mit härteren Sounds. Reicht das schon für ein Elektronik-Festival? Na gut. Zumindest an der hochphilosophischen Textcollage lag es nicht, dass das abschließende Multimedia-Drama Em-Body-Ment von der Amerikanerin Leah Muir weit hinter seinem hohen Anspruch zurückblieb. Das Libretto beschreibt einen Dreischritt von Evolution, Krise und Transzendenz. Zunächst geht es um archaische Schöpfungsmythen aus Simbabwe, Indien und England, dann mit Zitaten aus Shakespeares Sturm und Orwells 1984 um den Verlust der Freiheit und schließlich um die Vereinigung im Universum, ausgedrückt durch altägyptische Liebespoesie und buddhistische Weisheit. Musikalisch hat Muir den in ihrem Stück thematisierten Geschlechterkampf auf eine Live-Sängerin und einen elektronisch zugespielten Schlagzeuger verteilt. Die Performance lebte vom stimmlichen und körperlichen Einsatz der umwerfenden Operndiva Irene Kurka. Dass aber die Botschaft von Em-Body-Ment kryptisch blieb, lag auch an der (gewollt?) naiven, unfreiwillig komischen Inszenierung und den kunstgewerblichen Videos. In einer anderen, progressiveren Optik hätte das Stück vielleicht mehr Chancen.

MEDITATIVER KONTRAPUNKT
Da machte ein so schlichtes Event wie Waterbowls von der in Paris lebenden Japanerin Tomoko Sauvage weitaus mehr Eindruck. Sie ließ sich von dem traditionellen indischen Instrument Jaltarang inspirieren und baute sich ein ähnliches Setting aus mit Wasser gefüllten Porzellanschalen. Elektronisch verstärkt und in Schwingungen versetzt, erklang das Klirren von Scherben, das Blubbern von Wasser und der sanfte Sound der tönenden Schalen, der an fernöstliche Gongs oder an ein Windspiel erinnerte. Im weißen Gewand hockte Sauvage auf einem niedrigen japanischen Tisch vor ihren Klangerzeugern, das Ganze hatte eine meditative Aura – man konnte zur Ruhe kommen, wenn man sich auf ein anderes Zeitgefühl einließ.

DIE FENSTER WEIT AUFMACHEN
In den begleitenden Panels des Festivals, in denen man die Komponistinnen und ihre Intentionen kennenlernen konnte, kamen viele Themen rund um elektronische Musik zur Sprache: die Freiheit im Umgang mit dem eingespeisten Material, das Spannungsfeld von Kontrolle und Improvisation, die Interaktion zwischen akustischen Instrumenten und elektronischem Support, die Verräumlichung von Musik dank der Mehrkanaltechnik. Seltsamerweise war der Einfluss von KI, die sicher auch bei der Elektronik Verwendung findet, kein Thema; das wäre vielleicht beim nächsten Mal zu vertiefen. Mehrfach wurde die Meinung geäußert, es gebe keinen Unterschied zwischen akustischer und elektronischer Musik – auch die Elektronik sei ein Instrument! Einhellig aber war der Tenor: Man müsse die gewohnte Konzertsituation aufbrechen, neue Formate erproben. Ansätze dazu lieferte Heroines of Sound zuhauf. Allein schon die historische Maschinenhalle im Radialsystem, einem ehemaligen Abwasser-Pumpwerk an der Spree, bot eine ganz andere räumliche Umgebung für die One-Woman-Performances und die Ensemblekonzerte. Erheblichen Anteil an dem großen Publikumserfolg hatte auch das ausgeklügelte Lichtkonzept und die hochdifferenzierte Tontechnik – was vom Team des Radialsystems ebenso bravourös gestemmt wurde wie die komplexen Auf- und Umbauten des technischen Equipments. Gute Voraussetzungen, so die künstlerische Leiterin Bettina Wackernagel im Gespräch, um mit dem Festival „die Fenster weit aufzumachen, Neuartiges zu präsentieren, genreübergreifend zu arbeiten, ein diverses Programm vorzulegen und den Diskurs zu befeuern“. Um so der immer noch verbreiteten Misogynie im schöpferischen Bereich, der Marginalisierung von Komponistinnen entgegenzuwirken und vor allem die Vernetzung unter den Akteurinnen voranzutreiben. In der Elektronik-Szene seien Frauen, so Wackernagel, aber mittlerweile stark vertreten, sogar auf dem Vormarsch. Das sind doch gute Aussichten für Heroines of Sound 2027.
