#FundstückDesMonats | Juli 2026

Inga Hilsberg © Andreas Plaggenmeier (Wikimedia.Commons CC 4.0)

In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats Juli ist Inga Hilsberg: „Wenn wir gemeinsam Musik machen, dann machen wir das für die Musik und nicht für die Dirigentin oder den Intendanten.“[1]

Inga Hilsberg wurde am 30. November 1972 in Berlin geboren und erhielt im Alter von 4 Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester Unterricht in Klavier, Flöte, Geige, Orgel und Horn. Durch ihr musikalisches Elternhaus und ihre Mutter, die auch Dirigentin war, entwickelte sich früh ihr Wunsch, selbst Dirigentin zu werden: „Dass eine Frau am Pult steht, war für mich nichts Neues. Das war ich schon von Kindesbeinen an gewohnt.“[2] Von 1992 bis 1997 studierte sie Evangelische Kirchenmusik an der Musikhochschule in Köln und schloss dieses Studium mit dem A-Examen ab. Anschließend absolvierte sie bei Volker Wangenheim ein Kapellmeisterexamen. Während ihrer Studienzeit war sie die einzige Frau unter den Studierenden. Aufgrund ihrer Erfahrungen als junge Dirigentin gründete Inga Hilsberg 1996 mit ihrer Schwester Esther Hilsberg, die mittlerweile Sängerin war, die Junge Kammeroper Köln und wurde deren Chefdirigentin. Ihr Ziel war es, jungen Musiker*innen, Sänger*innen und Dirigent*innen Aufführungsmöglichkeiten zu bieten: „Ich finde, Frauen sollten viel häufiger ermutigt werden, Dirigentin zu werden. Der Nachholbedarf ist groß. Überhaupt wird für junge Dirigenten zu wenig getan.“[3]

Noch während ihres Studiums war Inga Hilsberg Leiterin der Bonner Vocalisten und dirigierte das Niederrheinische Kammerorchester Moers. Als zweite Kapellmeisterin und Studienleiterin war sie ab 2002 zunächst am Mainfrankentheater Würzburg tätig und zwei Jahre später am Theater Nordhausen. Als Chefdirigentin leitete sie von 2007 bis 2021 die Kölner Symphoniker, mit denen sie ein breites Repertoire von Sinfonik über Musicals bis hin zu Filmmusik und Schlager-Shows aufführte. 2018 wurde sie Chefdirektorin des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin und leitete ein Jahr später die Camerata Vocale Berlin. Von 2020 bis 2021 hatte sie einen Lehrauftrag für Orchesterleitung an der TU Dortmund inne. Neben Engagements bei den Bregenzer Festspielen, am Konzert-Theater Bern und der Alten Oper Frankfurt arbeitete Inga Hilsberg unter anderem mit den Bergischen und Bochumer Symphonikern und dem Konzerthausorchester Berlin zusammen.

Wie viele ihrer Kolleginnen beschreibt auch Inga Hilsberg, dass sie vor allem als junge Frau mit Sexismus in den Kritiken konfrontiert war: „Junge attraktive Frau mit roten Haaren hält sechzig Männer in Schach. Davon habe ich nichts.“[4] Ein inspirierendes Erlebnis war dagegen ein Konzert unter der Leitung von Sian Edwards, das zeigt, wie wichtig weibliche Vorbilder für junge Dirigentinnen sind: „Das Konzert war eine enorme Ermutigung für mich. Ich habe gedacht: Sie ist ungefähr zehn Jahre älter als ich, sie hat es geschafft, dann kannst auch du über Leistung weiterkommen.“[5]

Ein Schwerpunkt der Dirigier-Tätigkeit von Inga Hilsberg ist das Musical: Bereits 1998 war sie zweite Kapellmeisterin des Musicals Die Schöne und das Biest (Stuttgart). Als stellvertretende Chefdirigentin leitete sie unter anderem in Hamburg Das Phantom der Oper (2000) und Jesus Christ Superstar am Theater Duisburg (2019). Die Konzerte beschreibt Inga Hilsberg als abwechslungsreich, obwohl sich die Vorstellungen bei Musical-Produktionen oft wiederholen: „Die Arbeit ist keineswegs eintönig. Es gibt immer wieder neue Sänger, die in das Ensemble kommen und die man einarbeiten muss. […] Man muss sich jeden Abend neu motivieren, sich damit identifizieren und sagen: Ich gebe 100 %, damit ich auf der Bühne auch 100 % verlangen kann.“[6] Auch im Musical-Bereich setzt sie sich für die Förderung junger Künstler*innen ein: Ab 2017 war sie Mitglied der Deutschen Musical Akademie und 2018 Jurorin des Deutschen Musical Theater Preises.

2021 begann Inga Hilsberg nochmal in einem ganz neuen Berufsfeld: Sie ging zur Bundeswehr und war zunächst zweite Musikoffizierin des Heeresmusikkorps Veitshöchheim. Ein Jahr später wechselte sie nach Kiel und ist seitdem Chefdirigentin des Marinemusikkorps Kiel sowie Korvettenkapitänin. Das Marinemusikkorps ist ein symphonisches Blasorchester, welches aus ungefähr 50 professionell ausgebildeten Musiker*innen besteht und in unterschiedlichen Besetzungen feierliche Zeremonien, militärische Anlässe und internationale Begegnungen begleitet sowie regelmäßig Benefizkonzerte spielt. Das Repertoire reicht dabei von sinfonischer Blas-Musik über Märsche hin zu modernen Arrangements, Jazz- und Tanzmusik.

Konzert mit Kölner Symphoniker: Dream of Argentina (aus dem Film „Nice places to die“), Solistin: Esther Hilsberg (Schwester von Inga Hilsberg):


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Einzelnachweise:
[1] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young. Hamburg 2003, S. 119.
[2] Ebd., S. 117.
[3] Ebd., S. 118.
[4] Ebd., S. 120.
[5] Ebd.
[6] Ebd., S. 119.

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