
Die in Berlin lebende Pianistin Fidan Aghayeva-Edler ist nicht nur Marathonläuferin – Kondition beweist sie auch mit ihrem 24-stündigen Klaviermarathon, den sie ausschließlich mit Musik von Komponistinnen bestreitet. Da lag die Gründung eines eigenen Komponistinnen-Festivals nahe – vom 23. bis 25. Oktober 2026 präsentierte die erste Ausgabe des Atalanta-Festivals 15 Veranstaltungen in der historischen Villa Elisabeth in Berlin-Mitte, einem kulturellen Hotspot unweit der Gedenkstätte Berliner Mauer. Unser Reporter Fridemann Leipold hat an dem 3-tägigen Marathon teilgenommen.

A STAR IS BORN
Diese Frau hat das Zeug zum Star! Als Samantha Ege, britische Pianistin mit nigerianischen und jamaikanischen Wurzeln, ihr Recital Music HerStories mit einem herzzerreißenden Sonatensatz der afroamerikanischen Komponistin Florence Price (1887-1953) eröffnete, da blieb im stilvollen Saal der Berliner Villa Elisabeth kein Auge trocken. Das hatte etwas ungemein Bewegendes und Authentisches, diese Person of Color mit Musik von Price, einer Galionsfigur der Black Chicago Renaissance, zu erleben. Samantha Ege begeisterte zudem als charmante Moderatorin in eigener Sache – hat die promovierte Musikwissenschaftlerin doch 2024 in ihrem Buch South Side Impresarios: How Race Women Transformed Chicago‘s Classical Music Scene die schwesterliche Community um Florence Price an diesem geschichtsträchtigen Ort dokumentiert. Nostalgische Gefühle weckte Ege mit der Kadenz aus dem Klavierkonzert von Avril Coleridge-Taylor (1903-1998), Tochter des weit bekannteren britischen Komponisten Samuel Coleridge-Taylor – von Ege stammt auch die Ersteinspielung des Werks bei der BBC. Mit kraftvollem Anschlag hämmerte sie ein perkussives Preludio von Gabriela Ortiz (*1964) in die Tasten, das den Aktivistinnen der Mexikanischen Revolution gewidmet ist. Viel eingängiger wirkte die Uraufführung des Auftragswerks Month of Maying von der anwesenden Shirley J. Thompson (*1958), Britin jamaikanischer Abstammung. Und mit dem jazzigen Titel Bravura von der kubanischen Fusion-Musikerin Camila Cortina Bello (*1988), die darin die ikonische Fantasie Nègre von Florence Price variativ verarbeitet hat, rundete sich das faszinierende Programm von Samantha Ege.

DIE ANTIKE ALS FIXPUNKT
Es ist das Verdienst des Atalanta-Teams um die künstlerische Leiterin Fidan Aghayeva-Edler, die Regisseurin Teresa Reiber und die Dramaturgin Marion Meyer, diese charismatische Musikerin erstmals nach Deutschland eingeladen zu haben. Und das Recital von Ege war nur ein Highlight in dem reichhaltigen, eng getakteten Programm von Atalanta, das für die Vielfalt, Internationalität und Multikulturalität der Komponistinnen-Szene steht – hat die Festivalleiterin doch selbst aserbaidschanische Wurzeln. In einem Interview hat Reiber die vielleicht wichtigste Intention von Atalanta benannt: „Das Ziel ist natürlich auch, eine Kontinuität zu behaupten und zu beweisen: Es hat schon immer Komponistinnen gegeben.“ Da bot sich die thematische Fokussierung auf die griechische Mythologie natürlich an. Immer wieder nahmen die präsentierten Werke, darunter erfreulich viel Avantgarde sowie zahlreiche Uraufführungen, auf die mythologische Figur Bezug, die dem neuen Festival den Namen gab: Atalanta, das ist die schnellste Läuferin der griechischen Mythologie, eine Jägerin, Kämpferin und Amazone, die sich im Widerstand gegen das patriarchale Herrschaftssystem konsequent der Ehe verweigerte.

EINE ATALANTA FÜR HEUTE
Mit Texten von Virginia Woolf und der jungen Berlinerin Helene Bukowski holte die Performance Atalanta & beyond den Stoff ganz konkret in die Gegenwart. In fünf Kapiteln entwickelte die Schauspielerin Mareike Hein zusammen mit der Regisseurin Teresa Reiber Situationen, die über weibliche Identität heute reflektieren und – durchaus mit Witz und Ironie –traditionelle Rollenbilder in Frage stellen. Zunächst warf sich Hein als Speerwerferin und Bogenschützin in antike Posen. Reiber ließ ihre heroische Performerin dann bis zur Erschöpfung durch das Studio in der Villa Elisabeth rennen, ließ sie den frühkindlichen Drill beim häuslichen Klavierüben spüren, mittels Live-Kamera als Mädchen in der Schule gegen das Kinderkriegen votieren oder als Verkäuferin an der Fleischtheke in schönstem Berlinerisch Innereien anpreisen – „Wir jagen selbst!“ Dabei stand ihr die Saxofonistin Kathrin von Kieseritzky mit Musik von Rebecca Clarke (1886-1979) bis Vivienne Olive (*1950) als szenische Partnerin zur Seite. Das Ganze gipfelte in einer atemlosen Aufzählung von 153 Komponistinnen-Namen, die sich vom langsamen Anfangstempo zum rekordverdächtigen Schnelldurchlauf steigerte. Eine attraktive szenische Aktualisierung des antiken Mythos.

NAUTISCHE BAROCK-KANTATEN
Ein Anliegen des Festivals ist die Vernetzung mit der lokalen Musikszene. So standen allein neun Berliner Ensembles bei Atalanta für Entdeckergeist und Experimentierfreude. Den Auftakt machte das von der kanadischen Gambistin, Komponistin, Dirigentin und Sängerin Vanessa Chartrand (*1978) gegründete Ensemble OpusXX, das historische Musik von Komponistinnen und zeitgenössische weibliche Stimmen in einen spannenden Dialog versetzt. Zusammen mit dem versierten Countertenor Michael Taylor, der renommierten Barockgeigerin Elfa Rún Kristinsdóttir und dem erfahrenen Cembalisten Tim Ribchester präsentierte OpusXX zwei späte weltliche Kantaten der französischen Barockkomponistin Élisabeth-Claude Jacquet de la Guerre (1665-1729), die als Wunderkind am Hof Ludwigs XIV. Karriere machte und vom Sonnenkönig zeitlebens gefördert wurde. Passend zur thematischen Ausrichtung des Festivals kreisten beide Kantaten um Mythen des Meeres.
In Le sommeil d’Ulisse bietet Minerva Odysseus vor dem Zorn Neptuns Schutz und versetzt ihn in einen tiefen Schlaf. Die eigentliche Traumszene des Helden hat Jacquet de la Guerre in ihrer Kantate ausgespart – die lieferte nun Chartrand mit einem Fragment der antiken Dichterin Sappho und Worten aus Homers Odyssee nach und vertonte sie selbst als Melodram mit sphärischen Klängen, geheimnisvollen Schraffuren und Glissandi. Im zweiten Tonbild L’Isle de Delos über das Apollonheiligtum auf der paradiesischen Insel überrascht Jacquet de la Guerre nach allen Regeln der barocken Affektenlehre mit einer rustikalen Musette und raffinierten Echowirkungen, die vom Ensemble OpusXX lustvoll ausmusiziert wurden. Die der Villa benachbarte Elisabethkirche, mit ihrem antikischen Säulenportal ein typischer Schinkel-Bau, bot mit ihrem stimmungsvoll ausgeleuchteten Innenraum den atmosphärischen Rahmen für dieses und weitere Konzerte des Festivals.

VERGESSENE LOKALMATADORINNEN
Das Kammerkonzert Berliner Komponistinnen der Moderne beleuchtete dann mit sieben entdeckenswerten Werken ein vernachlässigtes oder sogar vergessenes Kapitel städtischer Musikgeschichte. Dafür hatte sich Festivalleiterin Fidan Aghayeva-Edler am Klavier mit der fantastischen Geigerin Markéta Janoušková und der souveränen Cellistin Ehrengard von Gemmingen zusammengetan, die – abgesehen von der leider unangemessen pathetischen Sopranistin Margarete Huber – für höchstes interpretatorisches Niveau sorgten. Vier von den vorgestellten Komponistinnen, Ruth Schonthal (1924-2006), Verdina Shlonsky (1905-1990), Charlotte Schlesinger (1909-1976) und Ursula Mamlok (1923-2016), allesamt bei Größen wie Franz Schreker, Alexander Zemlinsky, Paul Hindemith oder Nadia Boulanger ausgebildet, waren jüdischer Herkunft und mussten leidvolle Exilerfahrungen machen, um zu überleben.
Ungemein expressive Musik war an diesem Abend in der Villa Elisabeth zu erleben, mal spätromantisch schönheitstrunken wie im Adagio von Evelyn Faltis (1887-1937) oder in der zweiten Violinsonate von Shlonsky, mal harmonisch kühn wie in den 5 Aphorismen von Grete von Zieritz (1899-2001), mal ältere Musikstile reflektierend wie in Schonthals Sonata Concertante. Während sich Alice Samter (1908-2004) in ihrem postexpressionistischen Nelly-Sachs-Trio von drei Gedichten der Nobelpreisträgerin lediglich inspirieren ließ, sind Schlesingers ähnlich ausdrucksstarke Fünf Gesänge nach eigenen Texten für Sopran und Klavier gesetzt. Höhe- und Schlusspunkt des Konzerts war Mamloks meisterliches Klaviertrio Panta Rhei – Alles fließt, das mit seinen fünf extrem verdichteten Sätzen im charakteristischen Zwölfton-Sound an die Miniaturen von Anton Webern erinnerte. Die drei famosen Musikerinnen leisteten an diesem Abend echte Pionierarbeit.

AS YOU LIKE IT
Was für eine exzellente Pianistin sie ist, zeigte Aghayeva-Edler auch im ersten der drei einstündigen Auftragswerke, die sie an befreundete Komponistinnen vergeben hatte und die bei ihrem eigenen, neugegründeten Label Salomé Records als digitale Alben veröffentlicht werden. Das Nachhören lohnt sich im Fall der aus dem Ruhrgebiet stammenden, heute in Den Haag lebenden Leonie Roessler (*1982) definitiv. Roessler hat sich in ihrer für Aghayeva-Edler geschriebenen Komposition Chrysá Míla direkt auf die Namensgeberin des Festivals bezogen – der Titel ist Altgriechisch und bedeutet Goldene Äpfel. Dazu muss man wissen, dass Atalanta ihre ungebetenen Freier zum Wettlauf zwang und mit ihrem sagenhaften Tempo naturgemäß besiegte, was deren Tod bedeutete. Nur Hippomenes gelang es mit göttlicher Hilfe, Atalanta zu überlisten: Er ließ drei goldene Äpfel fallen, Atalanta bückte sich danach, geriet ins Hintertreffen – und verlor das Wettrennen. Roessler nun hat in ihrer modularen Komposition acht Versatzstücke über diverse Aktivitäten der Atalanta geschaffen, die von der Interpretin wie in einem Baukasten beliebig kombiniert und dank unmerklicher Verbindungstakte auch mehrfach wiederholt werden können. So steigert Roessler das meditativ groovende Schreiten in Gehen zum pulsierenden Rennen, läßt in Springen an Bartóks perkussive Rhythmen denken, gestaltet Tanzen als verstolperten Walzer, Jagen mit seinem lauernden Charakter als Thriller und Schlafen als ‚romantische‘ Etüde. Chrysá Míla erwies sich als leicht zugängliches, maßgeschneidertes Stück für Aghayeva-Edler und ihr Improvisationstalent – bei ihrer Kondition hätte die Aufführung auch zwei oder mehr Stunden dauern können …

FREQUENZSCHROTT IM ALL
Die beiden anderen Auftragswerke machten es dem Publikum schwerer. In Glosses from a frequency burst entwirft die junge Amerikanerin Rachel C. Walker (*1994) eine ins Jahr 2087 verlegte Dystopie, in der eine Klangarchäologin in einer Archivierungsanstalt Frequenzschrott eigentlich längst abgeschalteter, in der Erdumlaufbahn umherirrender Satelliten auswertet, archiviert oder entsorgt. Die Installation in der Elisabethkirche zeigte eine Art Museum voller ausrangierter Geräte, auf den Regalen eine alte Tonbandmaschine, ein Filmprojektor, ein Transistorradio, ein Diktafon. Dazu ertönte durchgehend eine elektronisch gesampelte Sound-Collage, Musikschnipsel, Klangmüll, ein Rauschen, Knacken und Knistern. Die Perfomerin Nina Guo war vorwiegend damit beschäftigt, Audiokasetten in den Player einzulegen und in die Tonne zu kloppen – ein langatmiges und zunehmend langweilendes Geschäft, zumal sie kaum etwas zu singen oder zu sprechen hatte. Eigentlich eine Thema-Verfehlung, gefragt war doch ein Solo für Stimme.

AUSSERIRDISCHE AMAZONEN?
Einigermaßen kryptisch las sich auch, was sich die Niederländerin Jobina Tinnemans (*1975) zu ihrer Auftragskomposition Fermi Paradox für Harfe solo ausgedacht hatte. Im Titel steckt ein Gedankenexperiment des Nobelpreisträgers Enrico Fermi: Der Physiker war der Annahme, dass es extraterrestrische Intelligenz geben müsse, obwohl es für die Existenz außerirdischen Lebens schon 1950 keinerlei Beweise gab. In Fermi Paradox greift Tinnemans uralte mythologische Topoi aus verschiedenen Kulturkreisen auf, etwa das Symbol des Lebensbaums, den vietnamesischen Mythos von der goldenen Schildkröte als Schutzmacht der Herrschenden oder das fatale Schicksal der biblischen Prinzessin Isebel. Im Grunde ist Fermi Paradox ein feministisches Manifest, gewürzt mit viel Sarkasmus: Wir waren schon immer da – man hat uns nur übersehen!
Im Gegensatz zu dem ganzen theoretischen Überbau kam die Musik von Tinnemans dann überraschend sinnlich daher. In stilistisch ganz unterschiedlichen, teils parodistischen Episoden läßt sie ihre Solistin auf der Harfe alle möglichen Spieltechniken erproben – mal werden die Saiten geräuschhaft mit den Händen gerieben oder im Flamenco-Stil geschlagen. Mal werden sie mit allerlei Gegenständen präpariert, etwa mit auf den Boden klackernden Bällen traktiert, mal werden sie mikrotonal verstimmt, mal ganz klassisch gezupft wie im traditionellen Harfenspiel mit seinen aufrauschenden Glissandi. Fantastisch, was die isländische Harfenistin Gunnhildur Einarsdóttir hier leistete, auch als Performerin in einer stummen Szene in Fermis Labor. Am Ende unterbricht ein Amazon-Bote mit Mofa-Helm das nun auch elektronisch angereicherte Klanggeschehen und überbringt ein Paket. Die Schachtel entpuppt sich als trojanisches Pferd, untermalt von bedrohlich näherrückendem Pferdegetrappel. Einarsdóttir entnimmt der Kiste kleine schwarze Roboter, die – einmal eingeschaltet – grell leuchtend und schnarrend vorwärts marschieren. Liefert Jeff Bezos hier die neuen Amazonen? Sehen so die Außerirdischen aus, übernehmen diese Kampfmaschinen die Macht? Eine gruselige Vorstellung.

LIVE-TALK MIT MUSIKBETT
Die in Berlin lebende Mezzosopranistin Claudia van Hasselt, weitgereiste Feld- und Stimmforscherin, experimentiert schon lange mit neuen performativen Konzertformaten. Zusammen mit ihrem Partner Nicolas Wiese, der mit Live-Elektronik und Overhead-Projektionen für die audio-visuelle Komponente zuständig ist, hat sie einen Mix aus Konzert und Diskussion mit Musik-Untermalung namens senSONICtalk© entwickelt. Mit ihrem musikalischen Gesprächsformat verfolgt van Hasselt einen dezidiert interdisziplinären, transkulturellen und multimedialen Ansatz: Ins Klanggeschehen mischen sich Debattenbeiträge von internationalen Gästen aus Wissenschaft und Kunst sowie Statements oder Fragen aus dem Publikum.
Für ihr Atalanta-Projekt [HINTERLAND] die süsse des einsamen treibens hatte van Hasselt kurze Auftragswerke für Stimme und Cembalo an vier Komponistinnen vergeben, zwischen denen kleine Talk-Runden geplant waren. Thema des Forums war Memory and Migration, also welche Rolle die individuelle Erinnerung im Exil für den kompositorischen Kontext spielt, etwa als Ausdruck der Verbindung zur Heimat. In Berlin nun sprachen, moderiert von einer der beteiligten Komponistinnen, der Rumänin Sabina Ulubeanu, die bulgarische Politikwissenschaftlerin und Migrationsforscherin Anna Krasteva sowie die iranische Musikethnologin und Kuratorin Yalda Yaszadi über die Bedeutung der traditionellen Musik für die emigrierten Musikerinnen und Sängerinnen aus frauenfeindlichen Regimen wie in Afghanistan oder Iran.
Leider lief gleich das erste Diskussionsforum wegen eines ausufernden Redebeitrags aus dem Ruder, sodass es aus Zeitgründen bei dieser einen Talk-Runde blieb. Die musikalische Grundierung des englischsprachigen Austauschs durch elektronische und akustische Improvisationen war ein zusätzlicher, aber eben gewollter ‚Störfaktor‘, der die Konzentration auf das Gesagte empfindlich beeinträchtigte. „Gespräch wird zur Musik, Wissenschaft zur Kunst“, heißt es vollmundig im Programmheft – nun ja, ein hoher Anspruch. Dafür überzeugten die vier Uraufführungen durchaus, die Claudia van Hasselt, eine Stimmkünstlerin von chamäleonartiger Wandlungsfähigkeit, expressiv gestaltete, begleitet von der genauso experimentierfreudigen ungarischen Cembalistin Adrienn Illés. Während die Kompositionen von Sabina Ulubeanu (*1979) und der Chinesin Ying Wang (*1976) avantgardistische Töne anschlugen, wirkte Aus der Nacht von Sarah Nemtsov (*1980) eher liedhaft. I find You von der ägyptischen Komponistin Aya Metwalli (*1988) brachte mit ihrer tremolierenden Stimmbehandlung eine Facette von Weltmusik ins Programm und passte damit am besten zum interkulturellen Konzept von [HINTERLAND] die süsse des einsamen treibens.

GALERIE LEGENDÄRER FRAUEN
Einen wohltuenden Kontrapunkt zu all diesen Spielarten der Avantgarde und ein Stück Seelennahrung bot das französische Klavier-Recital der in Leipzig lebenden Pianistin Kyra Steckeweh. Sie präsentierte, auf drei Etappen verteilt, den gesamten Zyklus Femmes de légende von Mélanie Bonis (1858-1937), der über einen langen Zeitraum entstanden ist und sieben musikalische Frauenporträts enthält. Bonis publizierte ihre Werke meist unter dem geschlechtsneutralen Pseudonym Mel Bonis, um als komponierende Frau keinen Vorbehalten zu begegnen. Vor 15 Jahren habe sie, bekannte Steckeweh in ihrer so kenntnisreichen wie sympathischen Moderation, die Musik von Bonis entdeckt – und die habe sie auf die Fährte von Komponistinnen gebracht. In ihrem großartigen Zyklus, der perfekt zur thematischen Ausrichtung des Atalanta-Festivals passte, hat Bonis sieben Frauenfiguren aus Mythen und Legenden musikalisch porträtiert.
Steckeweh sprach im Zusammenhang mit den Stücken, die Salome und Desdemona gewidmet sind, von „Femiziden“, bei Ophelia vom „suizidalen Farbton der Epoche“, eben dem Fin de siècle. Entsprechend spätromantisch ist die Musik von Bonis in Femmes de légende gefärbt, gleichwohl hat sie die sieben weiblichen Charaktere sehr individuell und differenziert gezeichnet: Salomé schwelgt in orgiastischen Rhythmen, Mélisande leuchtet in impressionistischen Pastellfarben, Ophélie schwebt in geheimnisvollen Regionen, Desdémona taucht in elegische Klänge ein. Für die Mondgöttin in Phoebé hat Bonis versunkene, für die Wassergöttin in Viviane verspielte Töne gefunden, und im Tonbild Omphale, die sich Herkules als Sklaven hält, geht es mit virtuosen Arpeggien wild zu. Kyra Steckeweh spielt das alles mit viel Einfühlungsvermögen, mit kraftvollem Anschlag und subtiler Feinzeichnung. Kombiniert hat sie den Zyklus von Bonis mit zwei verträumten Nocturnes der kroatischen Komponistin Dora Pejačević (1885-1923), mit zwei atmosphärischen Naturbetrachtungen der frühverstorbenen Lili Boulanger (1893-1918), zu denen sie als Rompreisträgerin und Stipendiatin der Villa Medici 1914 vom dortigen Garten inspiriert wurde, und mit zwei Walzern: einem wehmütigen von Cécile Chaminade (1857-1944) und seinem heiteren Gegenstück von Mélanie Bonis. Neben Bonis liegt auch Pejačevíc Steckeweh am Herzen, hat sie doch zusammen mit Tim van Beveren über die Komponistin den empfehlenswerten Dokumentarfilm DORA – Flucht in die Musik gedreht.

DEM NACHWUCHS EINE CHANCE
Erstaunlich, wie es den Programmmacherinen von Atalanta gelungen ist, bei einem begrenzten Etat, der sich im Wesentlichen aus städtischen Fördermitteln speiste, derart viele Künstlerinnen und Ensembles aus der lokalen Musikszene und von auswärts für ein solches Komponistinnen-Festival zu gewinnen. In den beiden Lunchkonzerten am Wochenende bekamen junge Ensembles aus Berlin, die im Rahmen eines Open Calls aufgrund ihres Könnens und innovativer Programmkonzepte ausgewählt wurden, die Chance zur Teilnahme bei Atalanta. Herausragend etwa das BarCa Piano Duo mit dem entzückenden vierhändigen Klavierzyklus Summer Dreams der Amerikanerin Amy Beach (1867-1944) oder das mit Klarinette und Akkordeon reizvoll besetzte Duo Amabile, das von der Mystik Hildegard von Bingens (1098-1179) bis zu den aufwühlenden Klängen von Graciane Finzis (*1945) Impression Tango einen kühnen Bogen spannte. Die größte Entdeckung aber brachte der Auftritt der 1999 in Riga geborenen Sopranistin Katrīna Paula Felsberga, die mit ihrem traumhaften Timbre und ihrem großen Stimmumfang faszinierte – von ihr werden wir noch hören. Zusammen mit ihrer französischen Klavierbegleiterin Justine Eckhaut präsentierte Felsberga ein raffiniert gebautes Programm, eine Art Kaleidoskop, das von Alma Mahler (1879-1964) bis Kaija Saariaho (1952-2023) reichte und immer im Wechsel spätromantische mit zeitgenössischen Liedern von Annette Schlünz (*1964) und Charlotte Seither (*1965), die beide anwesend waren, verschränkte.

AVANTGARDE DE LUX
Hatte das Ensemble OpusXX das Festival mit Barockmusik eröffnet, beschloss es ein anderes Berliner Kollektiv ausschließlich mit Musik lebender Komponistinnen: Das auf zeitgenössische Musik spezialisierte Ensemble LUX:NM besteht aus erstklassigen Musiker*innen und präsentierte sich zum grandiosen Finale in der aparten Besetzung Cello, Akkordeon, Klavier, Saxofon und Posaune. Asteria – echo // fragment // licht – so war der Abend überschrieben, wiederum mit einem Verweis auf die griechische Mythologie: Asteria ist die Titanin der Sterne und der nächtlichen Orakel. Eigene Klangkreationen des Ensembles LUX:NM, zu Beginn mystisch raunend und am Ende nach rabiaten Exzessen sphärisch entschwebend, rahmten vier neuere Werke renommierter Komponistinnen ein.
Während die Schwedin Lisa Streich (*1985) in mole’s breath trotz Mikrotonalität und schräger Harmonik einen sinnlichen Zugang eröffnete, entfesselte die deutsche Komponistin Birke Bertelsmeier (*1981) in Al di là mit fauchenden, scharfkantigen Klängen einen barbarisch marschierenden Tanz. Dazwischen sorgten zwei Solowerke für faszinierende Hörerlebnisse. Mit SVEIGJA schuf die Isländerin Bára Gísladóttir (*1989) ein extremes Stück, das ein Altsaxofon mit den Interferenzen der Live-Elektronik in Schwingungen versetzt – eine tolle Vorlage für die Saxofonistin Ruth Velten, die sich mit Verve in den Solopart warf. Den Vogel aber schoß die britische Siemens-Musikpreisträgerin Rebecca Saunders (*1967) mit ihrer Klavierstudie To An Utterance ab, die sie selbst als „unaufhörlichen, zwanghaften Monolog“ beschreibt. Das Stück besteht ausschließlich aus rasenden Glissandi über die ganze Tastatur hinweg, verlangt permanent perkussiven Anschlag und vollen Armeinsatz. Ein Parforceritt und Kraftakt für die spanische Pianistin Neus Estarellas Calderón, den sie atemberaubend meisterte. Ein furioser Abschluss von Atalanta, das die ganze Vielfalt weiblichen Komponierens feierte. Nach der gelungenen Premiere der Edition 1 würde man dem Festival wünschen, dass es mit der geplanten Fortsetzung in den kommenden Jahren klappt.
