Autorin: Katrin Prütting
In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats Oktober ist Ethel Leginska: „Viele kamen, um zu lachen – und blieben, um zu bewundern.“
Ethel Leginska kam am 13. April 1886 als Ethel Liggins in Hull, England zur Welt. Personen aus ihrem Umfeld erkannten früh ihre außergewöhnliche musikalische Begabung und förderten sie. Allerdings beschrieb Leginska ihre Kindheit deshalb rückblickend als ohne Vergnügen. Eine Unterstützerin riet ihr zu der Namensänderung ‚Ethel Leginska‘, da ihr für ein Wunderkind ein fremd klingender Name wichtig erschien, und ermöglichte ihr ein Klavier- und Kompositionsstudium in Frankfurt und Wien.
1907 heiratete Leginska den amerikanischen Komponisten und Pianisten Emerson Whithorne und bekam mit ihm zusammen ein Kind, das Paar trennte sich aber bald darauf wieder. Ihr Sohn wuchs bei den Großeltern auf, während Leginska nach New York zog, wo sie 1913 ihr Debüt gab. Elke Mascha Blankenburg zitiert die Dirigentin: „Die großen Männer wollen kleine Mädchen. Sie wollen, dass ihre Frauen unselbstständig sind; für eine Frau mit Karriere aber ist es unmöglich, unselbstständig zu sein.“ [1]
Dort war sie trotz Erfolgen in Europa unbekannt und mittellos: „Als ich in New York ankam, schloss ich mich ein Jahr in einem Studio nahe der Carnegie Hall ein, gab jeden Morgen Stunden und übte jeden Abend bis zehn Uhr. Ich wollte Geld für meine Konzertsaison sparen, die im folgenden Jahr in Aussicht stand. Vierzehn Monate waren meine Studenten und ein Lieferant die einzigen Menschen, mit denen ich regelmäßig sprach. Es gibt nur eine Chance für Frauen, erfolgreich zu sein: auf eigenen Füßen zu stehen und es dem Mann gleichzutun.“ [2]
Leginskas Beharrlichkeit zahlte sich aus und die „Künstlerin mit ungewöhnlichen Gaben“ wurde in Kritiken mit Arthur Rubinstein und Ignaz Paderewski verglichen.[3] Sie habe beim Spielen eine „hypnotische Wirkung“.[4] Von Erschöpfung und starke Auftrittsangst geplagt, stellte Leginska ihr Leben nach siebenjähriger pausenloser Konzerttätigkeit völlig um und konzentrierte sich stattdessen auf das Komponieren und Unterrichten.
1923, mit 37 Jahren, beschloss sie, Dirigentin zu werden, und studierte das Fach in München und London: „Das Publikum wird mich als Pianistin bald vergessen, und ich werde froh darüber sein. Kein Mensch weiß, was ich in den vergangenen siebzehn Jahren gelitten habe, wenn ich verpflichtet war, vor das Publikum zu treten. Ich bedauere nichts. Konzerte spielen ist sensationell, aber die große Kunst liegt im Komponieren und Dirigieren. Ich bin nie voller Angst, wenn ich dirigiere.“ [5]
Klavierkonzerte dirigierte Leginska oft vom Flügel aus, und in ihren Programmen war meistens auch eine eigene Komposition vertreten. Sie war in ihrem Schaffen sehr erfolgreich und trat als Gastdirigentin bei mehreren Orchestern in Europa und USA auf. Bei einer Gastspielreise durch Neuengland gab sie 52 Konzerte in sechs Wochen – also teils mehrere Konzerte am Tag. Bei einem Konzert, bei dem sie als Dirigentin, Pianistin und Komponistin involviert war, erschienen 3.000 Zuhörer*innen. Dadurch war der Verkehr so überlastet, dass die Vorstellung eine halbe Stunde später als geplant anfangen musste, weil es den Orchestermitgliedern nicht gelang, rechtzeitig zum Theater zu kommen. Damit zählt sie für Grace Koopal, eine Berichterstatterin aus Hollywood, zu den Wegbereiterinnen für nachfolgende Generationen: „Leginskas Virtuosität vor Augen, behandelten die Männer später Dirigentinnen mit mehr Respekt.“ [6] Sie dirigierte neben sinfonischen Orchesterwerken auch Opern – unter anderem ihre selbst komponierten Opern Gale und The Rose and the Ring!
Trotz ihrer Erfolge fand sie keine feste Anstellung bei einem Orchester und Gastdirigate musste Leginska stets selbst organisieren. Deshalb gründete sie mehrere eigene Orchester wie das National Women Symphony Orchestra in New York. Die Finanzierung blieb aber ein Problem und die Orchester konnten sich nicht etablieren.
Mit 54 Jahren zog Leginska nach Los Angeles, widmete sich dort ganz dem Unterrichten und trat nicht mehr öffentlich auf. Sie unterrichtete weitere 30 Jahre und lebte in relativer Abgeschiedenheit. Als Ethel Leginska am 26. Februar 1970 in Los Angeles starb, blieb ihr die Presse einen Nachruf schuldig.
„Ich tat das, was ich tun wollte, ich spielte gern. Aber das Orchester löste etwas in mir aus, was vorher keinen Ausdruck in mir hatte finden können. Frauen werden niemals kreativ sein, Großes vollbringen, bevor sie nicht den Mut aufbringen und ihren eigenen Weg zu gehen statt ausgetretene Pfade, auf denen weiterzutrampeln sie immer wieder aufgefordert werden.“ [7]
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[1] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003, S. 147.
[2] Ebd., S. 147.
[3] Zitiert nach Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen, S. 147.
[4] Ebd., S. 147.
[5] Ebd., S. 149.
[6] Grace Koopal, zitiert nach Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen, S. 149.
[7] Ebd., S. 149.
