Weltfrauentag in Frankfurt/Main | Rückschau auf Musikalisches

Von Fridemann Leipold (ehemaliger Musikredakteur BR Klassik)

Was wäre der Weltfrauentag ohne Musik! In Frankfurt leitete Mary Ellen Kitchens – Im Vorstand des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik/Archiv Frau und Musik – das Werkstattkonzert eines Amateurorchesters, das sich zu diesem Anlass die Feier von Komponistinnen auf die Fahnen geschrieben hatte. Fünf Frauen aus Wien, Denver, Reykjavík, London und Bamberg lieh das Projektorchester des Landesverbands Hessischer Liebhaberorchester (LHLO) eine markante Stimme. Eine spannende musikalische Entdeckungsreise von der Wiener Klassik bis zur Gegenwart, die das 40-köpfige Orchester mit großem Engagement absolvierte.

Das Programm sei eigentlich gar nicht speziell für den 8. März geplant gewesen, meinte die LHLO-Vorsitzende und Organisatorin des Projekts, Fanni Mülot, in ihrer Begrüßungsansprache – doch dann passte die reine Komponistinnen-Werkschau, konzipiert von Dirigentin Mary Ellen Kitchens, natürlich perfekt zum Frauentag. Das galt genauso für den Schauplatz dieser Sonntagsmatinée: Im gut besuchten Clara Schumann Saal von Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt, wo die Pianistin und Komponistin lehrte und starb, war die Neugier auf unkonventionelles Repertoire spürbar, das für die meisten im Publikum tatsächlich Neuland gewesen sein dürfte. In ihrer so kundigen wie launigen Moderation wies Kitchens auch auf den Werkstattcharakter des Konzerts hin, das eben den Erarbeitungsstand von nur drei Probentagen dokumentierte – der aber konnte sich wahrlich hören lassen.

Kann sich hören lassen!

Gleich der einleitende Kopfsatz aus der einzigen Sinfonia der Mozart-Zeitgenossin Marianne Martines (1744–1812) – die beiden kannten sich gut und musizierten viel miteinander – brachte mit seinem galanten Stil frühlingshaften Schwung in den Saal. Zum Kontrast präsentierte Kitchens dann Soul of Remembrance aus den Five Movements in Color von Mary Watkins – darin taucht die heute 86-jährige afroamerikanische Musikerin, bekannt für ihre gekonnte Verschmelzung von Jazz-Idiomen, Spiritual-Traditionen und zeitgenössischer Klangsprache, in wehmütige Erinnerungen ein. Im Dialog zwischen Harfe und smoothem Streichersound entwickelte das LHLO-Projektorchester einen schönen Groove – zu Recht gab’s dieses Highlight am Schluss nochmal als Zugabe.

Im Zentrum der Frankfurter Femmage zum diesjährigen Frauentag stand ein so anspruchsvolles wie attraktives Tonbild von 1950, das mit seinem Klangfarbenreichtum und seiner Brillanz jedem Spitzenorchester gut anstünde: In der Ballettmusik Eldur der Isländerin Jórunn Viðar (1918–2017) animierte Kitchens ihr Orchester mit präziser Schlagtechnik zu Höchstleistungen. In dem Stück glimmt, glüht und lodert das titelgebende Feuer, dass es eine Pracht ist. Die Violinsoli in Viðars pulsierendem Klangstrom übernahm Konzertmeisterin Cornelia Scholz, die als Dozentin aus Darmstadt die Streicher gecoacht hat. Ebenso wie ihre Kollegen, der Bratschist Peter Gries aus Kassel und der Cellist Florian Streich vom Frankfurter Konservatorium, die gleichfalls an den ersten Pulten saßen und die Stimmgruppen unterstützten.

In Kooperation

Für das erstaunlich hohe Niveau dieses bunt zusammengewürfelten Projektorchesters waren die Stimmproben mit den Dozent*innen fundamental. Die Frankfurter Bläser gecoacht hat die italienische Flötistin Letizia Turini, die in Dresden lebt und dort die Notenbibliothek des Bundesverbands Amateurmusik Sinfonie- und Kammerorchester (BDLO) leitet. In einer kleinen Ausstellung an der Rückseite des Saals war diese Institution präsent, zudem die Redaktion des BDLO-Online-Magazins tutti:info, das Frankfurter Archiv Frau und Musik sowie der Kasseler Furore Verlag, der seit nunmehr 40 Jahren weibliches Musikschaffen publiziert.

Turini war auch die virtuose Solistin auf der Piccoloflöte in Dorothea Hofmanns stimmungsvoller Komposition Animula vagula blandula, die 2024 von ihr, Mary Ellen Kitchens und ihrem Orchesterverein Kempten uraufgeführt worden war. Schauplatz damals: die Glashalle der Thermen-Ausgrabungsstätte im Archäologischen Park von Kempten, als römisches ‚Cambodunum‘ eine der ältesten Städte Deutschlands. Ein passender Ort, denn der poetische Titel von Hofmanns meditativem Stück stammt aus einem berühmten Sterbegedicht des römischen Kaisers Hadrian, das ihr als Inspirationsquelle diente. Aber auch in Frankfurt hinterließ diese klingende Selbstreflexion über die „kleine, flüchtige, schmeichelnde Seele“ dank Turinis Lockrufen, die an Vogelgesänge erinnerten, tiefen Eindruck.

Smyth als perfekter Rausschmeißer

Immer ein perfekter Rausschmeißer bei solchen Events ist die Ouvertüre zur komischen Oper The Boatswain’s Mate, also etwa Der Kumpel des Bootsmanns von Ethel Smyth (1858–1944), der legendären britischen Suffragette und Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht. Dieses durchaus widerborstige Stück mit seinen harmonischen Querschlägen verfehlte auch in Frankfurt seine Wirkung nicht, denn der darin integrierte Schlachtruf von Smyth – The March of the Women – lädt zum Mitsingen geradezu ein. Der Funke des Gemeinschaftsgefühls, das die Truppe des LHLO-Projektorchesters unter Mary Ellen Kitchens mit dieser zündenden Musik vermittelte, sprang an diesem Nachmittag auf ein begeistertes Publikum über.

Später zog eine kunterbunte Frauen-Demo unter großem Polizeiaufgebot pfeifend und johlend an der Frankfurter Paulskirche vorbei: Hey, Leute, es ist internationaler Frauentag! Und was spielt die Oper Frankfurt am Abend vor ausverkauftem Haus? Das passende Stück für den Tag, Giacomo Puccinis Madama Butterfly. Klar, die meisten Opern enden für die Titelheldinnen tödlich. Aber das Schicksal der verarmten Geisha, die auf sozialen Aufstieg hofft, vom skrupellosen US-Marineleutant Pinkerton aber ‚verraten und verkauft‘ wird, schließlich einem unerbittlichen Ehrenkodex zum Opfer fällt und Harakiri begeht, ist schon von besonderer Tragik.

Nur vermeintlich feministisch

Während seiner Stationierung in Nagasaki, wo sich die Yankees wie Kolonialherren aufführen, mietet Pinkerton von einem schmierigen Heiratsvermittler ein Haus und eine Braut – beides „für 999 Jahre“, monatlich kündbar. Was für Cio-Cio-San zur Liebe ihres Lebens wird, ist für den Leutnant nur eine Episode, bloß Zeitvertreib. Drei Jahre später kehrt Pinkerton nach Japan zurück, an seiner Seite seine neue amerikanische Ehefrau – aber nur, um das gemeinsame Kind, das Cio-Cio-San in der Zwischenzeit zur Welt gebracht hat, abzuholen. Seinem Schmetterling bricht er die Flügel – uns bricht Butterfly das Herz. Wenn der kasachische Tenor Kudaibergen Abildin bei seinem ersten Auftritt in dieser italienischen Oper America forever! librettogetreu auf Englisch schmettert, ist das ein kleiner Schockmoment, denn das weckt heute natürlich ganz andere Assoziationen. Zumal Puccini bei Pinkertons Erscheinen auch mehrfach die amerikanische Nationalhymne anklingen lässt.

Im Graben entfesselte Dirigent Lorenzo Passerini mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester die großen Gefühle Puccinis – mit Verve und Aplomb, aber auch mit impressionistischer, gleichsam kalligrafischer Feinzeichnung. In seiner Frankfurter Produktion von 2022 verzichtete US-Regisseur R. B. Schlather auf alle Japan-Klischees, auf Kimono, Teehaus, Ikebana. Es ist eine schlichte Inszenierung in Schwarz-Weiß, maximal minimalistisch – Puccinis Musik sagt ja alles. Zwei Schiebewände mit Fensterlöchern, eine in Weiß, eine in Grau, genügen dem Bühnenbildner Johannes Leiacker, um Schlathers ganz heutige Menschen ins rechte Licht zu rücken. Und immer im Zentrum: die russische Sopranistin Anna Princeva, die mit der flutenden Fülle ihrer Stimme, ihrem reichen Timbre, ihrer strahlenden Höhe und ihrer bezwingenden Ausdruckskraft alle betört und alle berührt – ein phänomenales Rollenporträt einer Frau, die an der Liebe irre wird.

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