her:voice-Komponistinnenfestival in Essen 12.–15. März 2026 | Rückschau

Louise Farrenc (1804–1875) © Magnus Voll Mathiassen

von Fridemann Leipold (ehemaliger Musikredakteur BR Klassik)

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Mit der dritten Ausgabe hat sich das Essener her:voice-Festival als eines der wichtigsten Foren für die Sichtbarmachung vergessener oder verdrängter Komponistinnen etabliert. Starke Persönlichkeiten, Wissenschaftlerinnen, Dramaturginnen, Intendantinnen und Musikerinnen haben den Szenetreff im Ruhrpott vom 12. bis 15. März geprägt. Das Aalto-Musiktheater, das die Veranstaltungsreihe in Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien durchführte, sorgte nicht nur für die perfekte Organisation, sondern präsentierte mit der Fritjof-Saga von der schwedischen Spätromantikerin Elfrida Andrée (1841–1921) auch wieder eine szenische Opernproduktion – welches Komponistinnen-Festival kann sich so einen Kraftakt schon leisten?

DIE FRAUEN HABEN DAS SAGEN

Auf der Breitwandbühne im ikonischen Aalto-Theater hocken vermummte Frauen in einem Bunker und zucken angesichts drohender Bombeneinschläge schreiend zusammen. Bis sich eine von ihnen, die Königstochter Ingeborg, schützend vor sie stellt und ihnen die Geschichte der altnordischen Fritjof-Saga vorliest. Das alles passiert während der spätromantisch aufrauschenden Ouvertüre zu Elfrida Andrées gleichnamiger Oper von 1895, die das Aalto Musiktheater bereits am 7. Februar als szenische Uraufführung herausgebracht hatte. Auch als Beitrag zum her:voice-Festival eine ideale Wahl, denn die Frauen sind es, die in Andrées mythologischer Oper das Sagen haben – nicht die Wikinger-Mannen um den Titelhelden Fritjof. Als Sujet hatte die schwedische Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf der Komponistin die altnordische Sage vorgeschlagen, die Lagerlöf zum Libretto umformte.

 

FANTASY-ÄSTHETIK AUF DER BÜHNE

Das kreative Duo legte in seiner Oper den Fokus auf die Frauenfiguren des mittelalterlichen Epos, eben auf Ingeborg und ihre Gegenspielerin, die diabolische Zauberin Guatemi. Eine Figur, die Lagerlöf als Antipodin hinzuerfunden hat. Zwar siegt Ingeborg am Ende, aber zu einem hohen Preis: Sie entscheidet sich gegen ihre Jugendliebe, den Abenteurer Fritjof, und heiratet den greisen König Ring. Ihr Verzicht mag die Figur langweilig erscheinen lassen, aber Ingeborg handelt nicht nur aus Staatsräson, sondern aus innerer Überzeugung: Sie und die anderen Frauen aus dem Volk wollen endlich Frieden zwischen den verfeindeten Königshäusern, wollen die jahrelangen Kriege beenden – eigentlich ein ganz moderner Ansatz. Leider hatte die wenig ambitionierte, Playmobil-hafte Inszenierung von Anika Rutkofsky nicht mehr zu bieten als Wikinger-Klischees mit Speeren und Schilden, mit Stierhelm und Trinkhorn. Ihr Fantasy-Mittelalter mochte vor allem in Guatemis Götterbeschwörung mit viel Bühnennebel Schaueffekte bedienen, die Charaktere indes blieben schablonenhaft blass – ein Rabauke wir Fritjof etwa schreit doch geradezu nach Comic-hafter Überzeichnung.

GRANDIOSE MUSIKALISCHE REALISIERUNG

Ganz gegen den Trend zur Originalsprache bei Opernaufführungen, die der Musik natürlich nochmal eine besondere Farbe gibt, sollte neben der konventionellen Inszenierung wohl auch die deutschsprachige Fassung des Librettos den Zugang zu der reichlich verworrenen, uns auch fremden Handlung niederschwellig halten. Was dem Sänger:innenteam die Arbeit erleichterte – wer kann schon Schwedisch –, entlarvte nur umso deutlicher die offenbar schon bei Lagerlöf angelegte Banalität des Textes. Dafür entschädigte die grandiose Besetzung der fünf Hauptpartien und das souveräne Dirigat von Kapellmeister Wolfram-Maria Märtig, der mit den fabelhaften Essener Philharmonikern alle Schönheiten der Partitur von Elfrida Andrée gekonnt auskostete. Wegen ihrer facettenreichen Musik, die zwischen Wagners Lohengrin-Silberglanz und Edvard Griegs nordischem Ton zu einer eigenen Klangsprache findet, lohnte sich die Essener Wiederentdeckung der Fritjof-Saga unbedingt. Die hochkarätig besetzte und packend musizierte Aufführung wurde übrigens für eine CD-Veröffentlichung aufgezeichnet.

Deirdre Angenent (Guatemi); Friedemann Röhlig (König Helge) © Matthias Jung/TUP

WEIBLICHE STIMMEN AUS DEM NORDEN

Im flankierenden her:voice-Symposion zu Elfrida Andrée und ihrer einzigen Oper stellte die erfahrene Dramaturgin Bettina Bartz, von der die partiturgerechte Einrichtung der deutschen Textversion stammte, die weiblichen Perspektiven der Fritjof-Saga heraus. Die Umdeutung der altnordischen Vorlage muss für Lagerlöf und die feministisch aktive Komponistin ein Befreiungsschlag gewesen sein. Zuvor referierte Yvonne Wasserloos vom Salzburger Mozarteum anhand von drei unterschiedlichen Biografien die relativ junge Komponistinnen-Historie in Dänemark und Norwegen, die aus verspäteten Gründungen von Konservatorien in den beiden Ländern resultierte. Überhaupt war die Leipziger Institution als Vorbild in allen Vorträgen als dominierende Bezugsgröße präsent.

VORSICHT MIT ETIKETTEN!

Zu neuen Forschungsansätzen ermunterte dann Lilli Mittner von der Arktischen Universität im nowegischen Tromsø: Wie wäre es, statt auf die gängigen Opfer- und Heldenerzählungen zu rekurrieren, mal Möglichkeits-Narrative Ex negativo zu erproben? Zu spekulieren, welche Chancen Elfrida Andrée gehabt hätte – wenn sie nicht von ihrem Vater gefördert worden wäre? Wenn sie sich kein Netzwerk aufgebaut hätte, das ihr private Schubkraft verlieh? Wenn sie ihr Klavierquintett bei einem Wettbewerb nicht anonym eingereicht hätte? Wenn sie nicht im liberalen Göteborg gelebt hätte, wo sie als ‚erste Frau‘ in Schweden Domorganistin wurde? In ihrer klugen Keynote hatte die Wiener Professorin Melanie Unseld zuvor dazu geraten, mit dem Etikett ‚Pionierin‘ und der exklusiven Position der Erstplatzierten, die gerade im Journalismus zur Aufmerksamkeits- und Attraktivitätssteigerung inflationär benutzt werden, vorsichtig umzugehen. Fairer und ehrlicher wäre es, so Unseld, auch das ‚Davor‘ sowie Vor- und Selbstbilder der Komponistinnen mitzudenken, Vereinzelung zu vermeiden und unser Nichtwissen offenzulegen – in vielen Fällen würden wir nur die ‚Spitze des Eisbergs‘ kennen.

GROSSE LIEDKUNST

Als willkommene Ergänzung zum Andrée-Schwerpunkt des Festivals bat die Fritjof-Produktionsdramaturgin Patricia Knebel am Sonntagvormittag im Opernfoyer zu einer Lieder-Matinée. Unter dem Titel Blaue Stunde – Elfrida & Friends präsentierte Knebel so kenntnisreich wie charmant Lieder und Kammermusik von Efrida Andrée und ihrer Schwester Fredrika Stenhammar sowie von ihren schwedischen Wegbegleiterinnen Caroline Ridderstolpe und Laura Netzel. Networking war schon damals der Schlüssel zum Erfolg. Ein Aha-Erlebnis bescherten natürlich jene fünf Gesänge Ridderstolpes, die wie Andrées Oper gleichfalls auf der alten Fritjof-Sage basieren. Während Netzel romantische Lyrik von Heinrich Heine auf Deutsch vertonte, tat Stenhammar dies auf Schwedisch, etwa im durch Schumanns Dichterliebe berühmt gewordenen Gedicht Ich hab‘ im Traum geweinet. Dass dieser Vormittag zu einem Ereignis wurde, war der intensiven Gestaltung der glutvollen Mezzosopranistin Laura Kriese und ihrer versierten Klavierbegleiterin Atsuko Ota zu verdanken. Und schließlich setzte eine imposante Komposition von Andrée auch den markanten Schlusspunkt des diesjährigen her:voice-Festivals. Ihre Orgelgala in der Essener Philharmonie beschlossen die japanische Organistin Mari Fukumoto und die Folkwang Brass Band unter der Leitung von Chris Houlding mit der machtvollen, aber auch mystischen Zweiten Orgelsymphonie von Elfrida Andrée für die aparte Besetzung mit Blechbläserensemble.

EIN JÜDISCHES SCHICKSAL

Die andere Komponistin, der im her:voice-Festival ein kleiner Schwerpunkt gewidmet war, stand für ein jüdisches Schicksal im 20. Jahrhundert und ein Kapitel lokaler Musikgeschichte: 1878 in Köln geboren, erhielt Maria Bing dort ihre Ausbildung, bevor sie den in Manchester lebenden Albert Herz heiratete. Nach dem frühen Tod ihres Mannes emigrierte Maria Herz 1935 vor dem Nazi-Terror nach London und verstummte als Komponistin, um sich nur noch ihrer Vortragstätigkeit zu widmen; 1950 starb sie in New York. Bei einem Gesprächskonzert vermittelten drei Studentinnen der Zürcher Musikwissenschafts-Klasse von Inga Mai Groote wesentliche Aspekte zu Leben und Schaffen von Maria Herz; im Foyer des Aalto-Theaters hatten sie eine kleine Ausstellung mit Fotos und Dokumenten zusammengestellt. Live vorgetragene Morgenstern- und Hölderlin-Lieder von Maria Herz zeugten mit ihrer kühnen, dissonanzreichen Harmonik von der großen expressiven Kraft dieser Komponistin.

KRAFTVOLLE SYMPHONIK VON FRAUEN

Eine, die sich für ihr ebenso düsteres, schwerblütiges Cellokonzert stark macht, ist Raphaela Gromes. Sie erzählte an diesem Nachmittag, dass sie überhaupt erst durch eine E-Mail des Enkels von Maria Herz auf das Stück aufmerksam wurde – und sofort davon gefesselt war. Albert Herz, der in Essen zugegen war, berichtete, wie er den Nachlass seiner Großmutter in New York aufgespürt und schließlich an die Zentralbibliothek Zürich übergeben hatte. Vergeblich hatte sich Maria Herz bei den berühmtesten Cellisten ihrer Zeit wie Gregor Piatigorsky, Emanuel Feuermann, Gaspar Cassadó oder Enrico Mainardi um eine Aufführung bemüht. Dank Raphaela Gromes konnte man das Cellokonzert von Maria Herz jetzt in der Essener Philharmonie erleben. Mit Herzblut gespielt und temperamentvoll von der italienisch-türkischen Dirigentin Nil Venditti begleitet, erwies sich das rhapsodische Stück in seinem kantablen, aber auch feurigen Gestus als echte Repertoirebereicherung. Im akustisch hervorragenden Alfried-Krupp-Saal bewiesen die Essener Philharmoniker ihre Stärken auch im übrigen Programm. Mit der idyllischen Rhapsodie The Magic Harp von der Irin Ina Boyle eröffnete Venditti den Abend – und beschloss ihn mit der kraftvollen, Beethoven-nahen Zweiten Symphonie von Louise Farrenc, die in Frankreich zu einer Zeit Symphonien und Kammermusik schrieb, als dort vor allem die Oper en vogue war. Farrencs Konterfei, poppig koloriert, diente der diesjährigen Festival-Ausgabe von her:voice auf Plakaten und Flyern auch als Hingucker.

Merle Fahrholz, Christin Heitmann, Andreas Falentin, Mary Ellen Kitchens, Friederike Wißmann © Volker Wiciok/TUP

KULTURWELT IST MÄNNERWELT

Die drängenden aktuellen Fragen, wie man der Marginalisierung von Komponistinnen entgegenwirken, die Wiederentdeckung und Sicht- bzw. Hörbarmachung ihrer Werke befördern könnte, wurden auf zwei prominent besetzten Panels diskutiert. Moderatorin Friederike Wißmann, die in Rostock lehrt, fragte nach möglichen Ursachen für die teilweise bis heute anhaltende Missachtung weiblichen Komponierens. Die Welt der Kultur sei eben Männerwelt, gab Andreas Falentin freimütig zu, Redakteur des Kölner Theatermagazins Die Deutsche Bühne. Ihm sei Andrées Fritjof-Saga weitaus lieber als der zwölfte Lohengrin. Unwissen sei schlicht oft der Grund, meinte Mary Ellen Kitchens, Vorstandsfrau des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik/Archiv Frau und Musik. Pädagogische Initiativen seien nötig, Content-Vermittlung, moderierte Konzerte. Wichtig sei auch, so Kitchens, einmal aufgeführte Ausgrabungen nachzuspielen – wie es die Erfolgsgeschichte von Ethel Smyths Oper The Wreckers in Karlsruhe, Meiningen und Schwerin gezeigt habe. Da stimmte ihr Aalto-Musiktheater-Intendantin Merle Fahrholz zwar prinzipiell zu – aber leider seien nur mit Ur- und Erstaufführungen Aufmerksamkeit und Fördergelder zu generieren. Klar, die Sorge um Auslastung und Einspielergebnisse verhindere Wagemut bei der Programmgestaltung, bestätigte die Farrenc-Spezialistin Christin Heitmann, die auch den jahrhundertealten, männlich geprägten Geniekult ins Spiel brachte.

OPER ALS SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

Die Bedeutung von Netzwerken kam auch im zweiten Panel zum Tragen, das von der Musikjournalistin Hannah Schmidt aus dezidiert feministischer Perspektive moderiert wurde. Hier ging es ganz konkret ums Musiktheater. Schmidts These, die Oper manifestiere bis heute männliche Sichtweisen, den vielzitierten ‚Male Gaze‘, konnte Musiktheater-Forscherin Ulrike Hartung durch statistische Erhebungen untermauern: Oper sei immer Spiegel der Gesellschaft, Leitungspositionen seien überwiegend in männlicher Hand – derzeit gebe es keine einzige Opern-Generalmusikdirektorin im deutschsprachigen Raum! Der Kölner Musikwissenschaftler Arnold Jacobshagen konterte, Sängerinnen, Operndiven, Superstars seien nie marginalisiert worden. Aber er propagierte etwas ketzerisch, weniger Verdi zu spielen – wegen dessen rassistischer Konnotationen und patriarchaler Strukturen, die man aufbrechen müsse. Alles eine Frage der Interpretation, der szenischen Neubefragung des gängigen Opernkanons, so Hartung. Nein, Verdi ist ein Must, wir brauchen die Blockbuster in einem ausgewogenen Spielplan, hielt die Aachener Generalintendantin Elena Tzavara dagegen.

BESSERUNG IN SICHT?

Hannah Schmidt, Volker Jacobshagen, Anika Rutkowsky, Elena Tzavara, Ulrike Hartung © Volker Wiciok/TUP

Auf die Frage Schmidts nach struktureller Verhinderung von Frauen an Theatern, bedingt durch systemimmanente Produktionsbedingungen, bekannte Tzavara, die Familientauglichkeit von Theaterberufen bezüglich Kinderbetreuung oder Unterstützung bei der Wohnungssuche sei miserabel. In Köln habe sie ihr Kind lange verheimlicht, um ihre Belastbarkeit und ständige Verfügbarkeit am Theater unter Beweis zu stellen – was sie später bereut hat. Aber es tue sich mittlerweile viel, Besserung sei in Sicht, bestätigte auch Fritjof-Regisseurin Anika Rutkofsky. Frauen seien heute in Führungspositionen deutlich präsenter, war sich die Runde einig – aber nicht an der Spitze, sondern nur auf der zweiten Leitungsebene. Denn gleichzeitig sei der ‚Rollback‘ der Männer nicht zu übersehen, bedingt auch durch die weitverbreitete ‚Bro Culture‘-Mentalität, weil Männer eben am liebsten Männer förderten.

EIN RÜCKFALL DROHT

Was in beiden Debatten deutlich wurde: Der konservative ‚Backlash‘ derzeit, der weltweite politische Rechtsruck droht, positive Entwicklungen und Errungenschaften wieder rückgängig zu machen – was Aalto-Intendantin Merle Fahrholz aus eigener Beobachtung bestätigen konnte: „Da spüre ich viel Angst bei den Mitarbeitenden im Theater, dass sich Türen wieder schließen könnten. Das ist keine lineare Entwicklung nach oben.“ Umso wichtiger sind Festivals wie her:voice in Essen, wo die Hochkultur mal die Komfortzone des bewährten Opern- und Konzertrepertoires verlässt – und stattdessen lange vernachlässigten Frauenstimmen eine Bühne gibt.

 

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