Autorin: Katrin Prütting

In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats September ist JoAnn Falletta: „Wir müssen die Musik in den Vordergrund stellen und Demut gegenüber dem Privileg haben, mit Musik arbeiten zu können.“
Die von der New York Times als „eine der besten Dirigentinnen ihrer Generation“ gewürdigte JoAnn Falletta wurde 1954 in New York City geboren und begann als Siebenjährige mit klassischer Gitarre, später kamen noch Mandoline, Klavier und Violoncello hinzu. Im Nachhinein war Falletta froh, mit einem Harmonieinstrument begonnen zu haben, da sie dadurch auch früh Unterricht in Harmonielehre und Theorie erhielt. „Schon mit elf Jahren träumte ich davon, Dirigentin zu werden, wusste aber nicht, wie ich das realisieren könnte. Man sagte mir, dass eine Frau bestenfalls Chorleiterin werden könnte, aber niemals Dirigentin eines Sinfonieorchesters.“[1]
Um ihren Wunsch zu erfüllen, studierte Falletta von 1972 bis 1976 klassische Gitarre und Dirigieren an der Mannes School of Music in New York City, danach absolvierte sie ein Studium an der Juilliard School (unter anderem bei Leonard Bernstein), an der sie ihr ‚Master Degree‘ und 1989 einen ‚Doctor of Musical Arts‘ abschloss. Schon während ihres Studiums leitete sie mehrere namhafte amerikanische Orchester.
1985 gewann sie den Stokowski-Dirigierwettbewerb, was ihrer Karriere in Amerika einen Schub verlieh: „Nun öffneten sich viele Türen, denn jetzt trauten sich die Veranstalter, eine Frau zu engagieren.“[2] Weitere Preise brachten noch mehr Konzerteinladungen, die ihr bald auch zu internationalem Ruhm und Engagements außerhalb Amerikas verhalfen. So hat die Dirigentin regelmäßig Gastauftritte bei bedeutenden amerikanischen Festivals und dirigiert Orchester weltweit. 1991 bis 2020 war Falletta Chefdirigentin des Virginia Symphony Orchestra in Kalifornien und seit 1998 ist sie Leiterin des Buffalo Philharmonic Orchestra, mit dem sie einen festen CD-Vertrag mit Naxos abschließen konnte.
The Women’s Philharmonic
Ein bedeutender Teil der Arbeit der Dirigentin war die Leitung des Bay Area Women’s Philharmonic Orchestra in San Francisco von 1986 bis 1996. Mit dem Ziel, die Unterrepräsentation von Frauen in der klassischen Musikwelt zu kompensieren, gründeten Elizabeth Seja Min, Miriam Abrams und Nan Washburn 1980 ein reines Frauenorchester, das vor allem Musik von Komponistinnen aufführen sollte. Noch bis 2004 verfolgte das Orchester seine Mission der „promotion of women composers, conductors and performers.“ [3]
Einen großen Teil seines Erfolges verdankt das Orchester JoAnn Falletta, unter deren Leitung zum Beispiel eine CD-Einspielung mit Werken von Fanny Mendelssohn, Clara Schumann, Lili Boulanger und Germaine Tailleferre den „Best Classical Recording“ Preis der National Association of Independant Record Distributors und den „Most Creative Programming“-Preis des Classic CD-Magazins erhielt. Auch Falletta selbst schwärmt von der Zusammenarbeit: „Während der Proben fühlte ich die Solidarität unter den Musikerinnen. Sie waren engagiert, die Musik der Komponistinnen gut zu präsentieren und ihren Wert zu vermitteln. Auch das Gefühl, selbstverständlich akzeptiert zu werden, war hier wesentlich stärker als bei anderen Orchestern.“[4]
Mittlerweile kann das Orchester auf eine Geschichte mit der Aufführung von Werken von mehr als 160 Komponistinnen mit 134 Uraufführungen und 47 Auftragskompositionen zurückblicken. Seit 2008 setzt sich die Gesellschaft Women’s Philharmonic Advocacy weiter für die Rechte von Komponistinnen ein und hat es sich zum Ziel gesetzt, das Erbe von The Women’s Philharmonic am Leben zu halten.
Darüber hinaus
Auch nach ihrer Zeit bei The Women’s Philharmonic engagierte sich JoAnn Falletta sehr für zeitgenössische Musik: „Wir müssen uns hier um unsere Künstler kümmern, damit sich die Kultur des Landes weiterentwickelt.“ [5] Mittlerweile hat sie mehr als 1.700 Orchesterwerke von über 600 KomponistInnen dirigiert – davon über 135 Werke von mehr als 70 Komponistinnen und etwa 150 Uraufführungen. Für ihre Arbeit wurden Falletta 13 Ehrendoktortitel verliehen, außerdem ist sie mehrfach für ihre innovative Programmgestaltung (ASCAP Award) ausgezeichnet worden und sie hat mehrere GRAMMYs gewonnen. Von Gramophone Magazine wurde sie als eine von „Fifty Great Conductors“ der Vergangenheit und Gegenwart genannt.[6] Ihre Einstellung „Musiker wollen gut spielen, und wenn sie glauben, dass der Dirigent ehrlich ist, hart arbeitet und gute Ideen hat, arbeiten sie gerne mit ihm zusammen.“ hat sich also ausgezahlt.[7] Seit 1999 setzt sie sich mit einem Förderprogramm („JoAnn-Falletta-Dirigierpreis“) für junge, begabte Dirigentinnen ein.
Youtube-Video mit Falletta: The Tempest – John Knowles Paine (JoAnn Falletta/Ulster Orchestra):
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Einzelnachweise
[1] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, Hamburg 2003, S. 94.
[2] Ebd., S. 94.
[3] Website Women’s Philharmonic Advocacy: https://wophil.org/the-womens-phil/; Auf dieser Website gibt es eine jährlich erscheinende Reihe „By the Numbers“ mit interessanten Statistiken zur aktuellen Spielzeit für die USA, wie viele Werke von Komponistinnen gespielt werden.
[4] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, S. 95.
[5] Ebd., S. 96.
[6] Website JoAnn Falletta: https://joannfalletta.com/biography.html
[7] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, S. 96.
