#FundstückDesMonats | Mai 2026

Kerstin Nerbe © Claes Fellborn (free to publish)

Autorin: Maria Hofmann

In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats Mai ist Kerstin Nerbe. Die schwedische Zeitung Svenska Dagbladet schreibt über sie: „My admiration is unceasing for Kerstin Nerbe’s inspiring passion, her absolutely clear technique, her infallible sense of style“.

Kerstin Nerbe wurde am 29. April 1946 in Lidingö (Schweden) als Tochter eines Dirigenten geboren: „Ich war sehr viel mit ihm zusammen, habe immer Musik gehört und schon als Kind die großen Dirigenten wie Bruno Walter, Karl Böhm oder Herbert von Karajan erlebt.[1] Sie lernte zunächst Geige und Klavier und nahm später ein Klavier-Studium bei Gottfried Boon und Gunnar Hallhagen an der Musikakademie Stockholm auf, welches sie mit dem Diplom als Klavierpädagogin abschloss. Durch ihre Hochzeit im Alter von 19 Jahren unterbrach Kerstin Nerbe ihre Karriere, um eine Familie zu gründen. Doch die Leidenschaft zur Musik ließ sie nicht los: „Meine Sehnsucht nach professioneller Musikausübung habe ich lange unterdrückt. […] Ich war 29 und war wie ein Zug, der nicht mehr zu stoppen war.“[2]

Nach ihrem Wiedereinstieg arbeitete Kerstin Nerbe zunächst mit Sänger*innen und belegte Interpretationskurse bei Erik Werna und Dorothy Irving. Außerdem war sie als Repetitorin und Orchesterpianistin an der Royal Opera in Stockholm tätig und studierte Dirigat bei Khresimir Sippusch, Carlo Cillario und Jorma Panula. Als Gastdirigentin leitete sie anschließend in Schweden das Radio-Sinfonieorchester, das Philharmonische Orchester Stockholm sowie das Sinfonieorchester Göteborg. Des Weiteren dirigierte Kerstin Nerbe unter anderem das 1. Frauen-Kammerorchester Österreich, das Scottish Chamber Orchestra, die Opernorchester in Gdansk und Riga sowie die Sinfonieorchester in Vaasa, Izmir und Shanghai. In Bezug auf ihren Berufseinstieg beschrieb sie: „In Schweden gibt es die gleichen Vorurteile gegenüber Dirigentinnen wie in allen andere Ländern Europas. Auch wenn sie nicht so ausgesprochen werden, sie sind immer da. […] Ich habe mich sehr um einen Agenten bemüht, aber ich musste mir immer wieder anhören, dass ich als Frau keine Chance bei ihnen hätte.“[3] Daher organisierte sie ihre Zusammenarbeit mit den Orchestern größtenteils eigenständig. Kerstin Nerbe ist auch Komponistin und schrieb die Oper Stjärndamm und zwei Kinderopern Det finns ingen krokodil under min säng, her jag sagt und Mumien vaknar.

1976 gründete Kerstin Nerbe mit dem Regisseur Claes Fellbom die Folkoperan in Stockholm, wo sie Generalmusikdirektorin war und Claes Fellbom die künstlerische Leitung übernahm. Das Ziel der Folksoperan ist es, Oper für alle Menschen unabhängig von Alter, Vorwissen und Herkunft zugänglich zu machen. Um mehr Nähe zwischen Musiker*innen und Publikum zu schaffen, spielte das Orchester zum Beispiel nicht im Orchestergraben. Außerdem erstellte Kerstin Nerbe Arrangements der Opern für kleinere Besetzung und der Klang der klassischen Instrumente wurden durch Synthesizer ergänzt. Das Opernjournal schrieb: „Ohne Einschränkung verdient Kerstin Nerbe, Dirigentin und Bearbeiterin der für die Volksoper erstellten gekürzten Fassung, Anerkennung. Es ist ein kleines Wunder, was sie mit dem Orchester und ihren Sängern erreicht.“ [4] Das Talent-Programm der Folksoperan fördert heute junge Instrumentalist*innen, Musikstudent*innen und Dirigent*innen aus Schweden. Seit 2025 ist der Sohn von Kerstin Nerbe, Linus Fellbom, künstlerischer Leiter und die musikalische Leitung liegt bei Henrik Schäfer.

1992 erhielt Kerstin Nerbe die St. Eriks-Medaille der Königlichen Musikakademie Stockholm. Der schwedische Staat verlieh ihr 1998 den Kulturpreis Schweden und 2001 den Professorinnen-Titel. Neben weiteren Dirigentinnen wurde Kerstin Nerbe in den Filmen Dirigenterna (2001) und Call me Madame Maestro (2021) unter der Regie von Christina Olafson porträtiert. Die Dokumentarfilme beschreiben die Karrieren der Dirigentinnen und bilden die Entwicklung der Situation von Frauen im Musikbetrieb ab.

Trailer zu Call me Madame Maestro:


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Einzelnachweise
[1] E. M. Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, S. 172.
[2] Ebd., S. 173.
[3] Ebd., S. 174.
[4] Ebd., S. 175.

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