Von Maria Hofmann
In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats März ist Claire Gibault – „Dirigenten und Dirigentinnen müssen zu einer Gemeinsamkeit finden. […] Man muss zu einem androgynen Gefühl und Ausdruck miteinander finden.“[1]

Claire Gibault wurde 1945 in Le Mans geboren und erhielt in ihrer Kindheit Klavier-, Geigen und Gehörbildungs-Unterricht. Das Mitspielen im Sinfonieorchester als Schülerin begeisterte sie sehr, sodass sie später Dirigentin werden wollte. Ihr Studium begann sie zunächst bei Enyss Djemil in Le Mans und wechselte 1966 zu Manuel Rosenthal ans Conservatoire Supérieur Paris: „Mein Lehrer tat alles, um mich von meiner Berufswahl abzubringen, weil er wusste, welche Schwierigkeiten mich erwarten würden. Als ich ihm aber sagte, dass dies ein existentieller Wunsch von mir sei, unterstützte er mich sehr.“[2]
1969 gewann sie den Premier Prix der Dirigierklasse und gab ihr Debüt im Salle Gaveau in Paris: Auf der Titelseite der Zeitung France Soir wurde darüber mit der Schlagzeile Eine Frau am Dirigentenpult berichtet – gleich unter dem Artikel über die erste Mondlandung. Nach ihrem Studium dirigierte sie an der Oper Lyon, war Musikdirektorin des Orchestre de Chambéry und Assistentin von Theodor Guschlbauer und John Eliot Gardiner. Als Leiterin von Opernstudios und -schulen setzte sie sich auch für musikalische Bildung ein. Neben einigen schlechten Erfahrungen mit Kollegen erlebte sie ab 1993 mit Claudio Abbado eine inspirierende Zusammenarbeit: „Abbado ist eine große Ausnahme. Allgemein schätzen Dirigenten ihre Kolleginnen nicht, denn sie meinen, dass ihre Präsenz ihr eigenes Prestige vermindert.„[3]
Claire Gibault dirigierte eine Vielzahl von französischen und internationalen Orchestern: Die Nationalorchester von Lille, Schottland und Belgien, das Philharmonische Orchester Nizza und das Clara Schumann Orchester Köln, um nur einige zu nennen. Dabei legt sie Wert auf einen freundlichen, aber auch anspruchsvollen Umgang mit dem Orchester: „Am Anfang glaubte ich, mich stets behaupten, meine Autorität ständig verteidigen zu müssen. […] Man kann die Dinge sehr entschieden sagen, mit Respekt und sogar mit einer gewissen Art von Liebe.“[4] 2011 gründete Claire Gibault das Paris Mozart Orchestra, welches neben Musik aus der Klassik auch Neue Musik von Komponist*innen wie Fabio Vacchi, Graciane Finzi und Alexandra Grimal aufführt. Trotz ihrem großen Repertoire und der erfolgreichen Zusammenarbeit mit vielen Orchestern, erlangte Claire Gibault wie viele ihrer Kolleginnen erst spät Bekanntheit.
Claire Gibault war von 2004 bis 2009 als Abgeordnete im Europäischen Parlament tätig: Dort war sie sie unter anderem Mitglied im Ausschuss für Frauenrechte, Gleichstellung, Kultur und Bildung. Für ihr musikalisches Schaffen erhielt sie Auszeichnungen der französischen Botschaft und des Kultusministeriums.
Mit der Philharmonie Paris gründete Claire Gibault 2019 den internationalen Dirigentinnen-Wettbewerb La Maestra mit einer zugehörigen Akademie: „Ich bin sehr glücklich darüber, die Hindernisse, denen ich im Laufe meiner Karriere begegnet bin, jetzt in ein Sprungbrett für diese neue Generation von Frauen verwandeln zu können. Ich möchte allen Teilnehmerinnen zeigen, dass es richtig war, hartnäckig zu bleiben.“[5] Durch verankerte Vorurteile erfahren vor allem junge Dirigentinnen immer noch Diskriminierung im Musikbetrieb. Außerdem sind in den Jurys und Auswahl-Kommissionen von Dirigier-Wettbewerben meist wenige Frauen vertreten. Der Wettbewerb La Maestra, der dieses Jahr zum vierten Mal stattfand, macht die Talente der aufstrebenden Dirigentinnen sichtbar und bietet ihnen Förderung und Unterstützung.
Videos
- Finale La Maestra 2024 (YouTube)
- Paris Mozart Orchestra (Leitung: Claire Gibault):
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Nachweise und Einzelnachweise
- Corina Kolbe: Sprungbrett für eine neue Generation: In Paris startet der Dirigentinnenwettbewerb La Maestra, in: Das Orchester, Nr. 3/2020, Mainz.
- Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young. Hamburg 2003.
- https://parismozartorchestra.com/claire-gibault/?lang=en
- https://lamaestra-paris.com/?lang=en
- https://www.europarl.europa.eu/meps/en/28207/CLAIRE_GIBAULT/history/6
[1] Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert, S. 111.
[2] Ebd., S. 109.
[3] Ebd., S. 111.
[4] Ebd., S. 109.
[5] C. Kolbe: Sprungbrett für eine neue Generation (Das Orchester), S. 36.
