von Clara Lang

Beim Durchstöbern des Archivs fiel mir ein Programmflyer aus dem Jahr 1992 in die Hände. Unter anderem darauf zu lesen: „Keiko Abe – ‚Frogs‘ für Marimbaphon solo“. Der Titel hat mich zum Schmunzeln gebracht: Er wirkt unscheinbar, banal und kindlich, doch dahinter verbirgt sich eine Komponistin, die all das nicht ist. Frogs ist das Werk einer Komponistin, die nicht nur das Repertoire des Marimbaphons entscheidend erweitert und geprägt hat, sondern wegweisend für Spieltechniken und dem technischen Stand der Marimba war.
Keiko Abe (安部 圭子) wurde am 18. April 1937 in Tokyo geboren. Nach ihrem Studium der Komposition und Xylophon trat sie seit den 1960er Jahren als professionelle Musikerin auf. Einem breiteren Publikum wurde sie durch ihre eigene Radiosendung Good Morning Marimba in den 1980er Jahren bekannt.
Ihre Inspirationsquelle ist ihr eigener Improvisationsstil. Viele ihrer Werke entstehen zunächst als Improvisationen, die von ihr nach und nach notiert werden. Ihre Musik zeichnet sich durch große dynamische Spannweiten, hohe technische Anforderungen und eine besondere Verbindung von melodischer Linie und rhythmisch geprägten Klangflächen aus. Gerade das Stück Frogs macht diese Eigenschaften besonders anschaulich. Das Stück selbst wirkt wie ein lebendiger Klangteich, indem sich alles bewegt und spiegelt. Die Töne hüpfen verspielt umher wie Frösche, die von einem Seerosenblatt auf ein anderes springen. Die Kontraste zwischen leise und laut, leicht und schwer, nehmen dem Stück Vorhersehbarkeit und geben ihm etwas Schelmisches. So wie Frösche Geschick benötigen, um sicher über die wackeligen Blätter zu springen, so erfordert dieses Stück auch ein hohes Maß an technischer Kontrolle, um seine scheinbare Leichtigkeit überzeugend zu vermitteln.

Mit über 70 Auftragswerken und zahlreichen eigenen Kompositionen hat Keiko Abe das Marimbaphon als ernstzunehmendes Soloinstrument etabliert und ist selbst Standard in der Marimba-Literatur. Viele der heute selbstverständlichen Spieltechniken und klanglichen Möglichkeiten gehen unmittelbar auf ihr kompositorisches Denken zurück.[1]
Auch die Weiterentwicklung des Instruments selbst ist untrennbar mit ihrem Namen verbunden: In Zusammenarbeit mit Yamaha wurde die Marimba auf fünf Oktaven erweitert. Abe selbst sagt über das von ihr für Yamaha entwickelte Instrument: „Diese Veränderung hat die Vorstellungskraft vieler Komponisten beeinflusst und sie in der Komposition für Marimba inspiriert. Ich habe gleich gefühlt, dass diese neue Art von Marimba alle musikalischen Ansprüche erfüllen kann. Das macht mich sehr glücklich!“[2] Geehrt wurde sie 1993 mit der Aufnahme in die Percussion Hall of Fame.
Hinter einem Titel wie Frogs verbirgt sich also weit mehr als ein kindlich wirkender Titel: Er verweist auf das Schaffen einer Komponistin, die das Marimbaphon neu gedacht und nachhaltig geprägt hat.
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Einzelnachweise
[1] Irem Çatı: Neue Klänge im Konzertsaal, in: Concerti, 31. Juli 2018, zuletzt abgerufen am 26. März 2026.
[2] J. Michele Edwards: Keiko Abe, in: Grove Music Online, 20. Januar 2001, zuletzt abgerufen am 26. März 2026.
