CD-Umschau zum Weltfrauentag am 8. März 2026

Von Fridemann Leipold (ehemaliger Musikredakteur BR Klassik)

Und es werden immer mehr: Die Veröffentlichung von Alben mit Musik von Komponistinnen nimmt erfreulicherweise kontinuierlich zu. Jetzt müsste sie nur noch häufiger aufgeführt werden – Anregungen bietet der Tonträgermarkt reichlich. Fridemann Leipold hat das aktuelle Angebot an Neueinspielungen durchforstet und etliche Entdeckungen gemacht – die CD-Umschau zum Weltfrauentag am 8. März 2026.

She composed: 53 Piano Works by Women Composers (Prospero)

She Composed © Prospero/BR Klassik

Spektakulär versammelt dieses Doppelalbum der in München lebenden brasilianischen Pianistin und Komponistin Yami CruzMontero, das exklusiv zum Internationalen Frauentag erscheint, sage und schreibe 53 Klavierstücke von 53 Komponistinnen quer durch die Jahrhunderte, von der Barockzeit bis zur Gegenwart. Viele mittlerweile bekannte Namen sind darunter, aber auch eine ganze Reihe von Komponistinnen, deren Musik neugierig auf mehr macht. Denn es sind allesamt Miniaturen, mal minutenkurze, mal deutlich längere, die nach einer geschickten Dramaturgie wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht sind. Die kurzweilige Abfolge lädt dazu ein, die beiden CDs in einem Schwung durchzuhören.

Nicht nur, dass diese imposante Schau der Talente durch etliche Beispiele für die Weiterentwicklung der traditionellen Tanzfolklore aus Südamerika und Kuba ihre besondere Würze erhält. Aufgebaut ist die auch pädagogisch attraktive Anthologie zudem nach fortschreitendem Schwierigkeitsgrad – so bietet die erste Scheibe nach dem Vorbild von Schumanns Kinderszenen oder seinem Album für die Jugend vorwiegend einfache, liedhafte Klavierstücke aus verschiedensten Kulturen und Epochen. Rund ein Fünftel der ausgewählten Komponistinnen sind heutige Zeitgenossinnen, wobei die Hardcore-Avantgarde bewusst ausgespart bleibt – die Edition soll ja auch Spaß machen.

Faszinierend ist die Vielfalt der kompositorischen Handschriften, die durchgehend hohe Qualität und handwerkliches Können zeigt. Und das gilt genauso für die elf Pianist*innen, unter denen gleichfalls Frauen dominieren, die sich diesen Marathon geteilt haben – vier von ihnen kommen aus Kuba, Brasilien und Argentinien, die für mitreißend authentische Interpretationen der Tänze aus diesem Kulturkreis bürgen. Alle Titel dieser Koproduktion mit BR Klassik sind auf gleich hohem Niveau eingespielt – man könnte beim Hören meinen, es sei ein- und dieselbe Interpretin am Werk.

Auffällig oft stehen die ungemein sprechenden Titel für den Charakter der Kompositionen. So verströmen die Barcarolle von Mélanie Bonis und die Konzertetüde Automne von Cécile Chaminade das elegante Flair einer Gondelfahrt und die ambivalenten Gefühle des Herbstes. Präludium und Fuge von Clara Schumann sowie eine Invention von Ethel Smyth zeigen, dass die beiden so unterschiedlichen Komponistinnen gleichermaßen von Bachs Kunst beeinflusst waren. Genau andersherum verhält es sich mit der B-Dur-Nocturne der Polin Maria Szymanowska, die hörbar auf Chopin vorausgreift: Ihre Musik hat ihn beeinflusst – nicht umgekehrt, wie man vermuten könnte.

Das opulente Booklet zum Doppelalbum She composed bietet in den biografischen Notizen von Ulrike Keil zudem viel Wissenswertes über die 53 Komponistinnen. Darunter auch zwei, die in der Frauenmusikbewegung aktiv sind: Dorothee Eberhardt und Dorothea Hofmann. Die vielleicht persönlichste musikalische Äußerung indes stammt von der frühverstorbenen Lili Boulanger. Ihr harmonisch kühn ausgreifendes Klavierwerk Thème et Variations verrät großen künstlerischen Ernst und eine bestürzende Ausdruckstiefe, die einen Zug zum Grandiosen entwickelt. Ein unbändiger Ausdruckswille bricht sich bei Lili Boulanger Bahn, den die brasilianische Pianistin Débora Halász, auch als Komponistin dabei, beeindruckend auslotet – man kommt beim Flanieren durch diese Edition aus dem Staunen nicht heraus. Parallel und passend dazu erschien mit Yami CruzMontero und Ulrike Keil als Herausgeberinnen der erste Band ihrer Reihe Komponistinnen im Klavierunterricht. Unbedingt empfehlenswert!

Nadia Boulanger: La ville morte (Pentatone)

Nadia Boulanger: La ville morte © Pentatone

Eine Oper von Nadia Boulanger? Mit La ville morte – Die tote Stadt nach einem Libretto von Gabriele D’Annunzio zeigt sich die legendäre Kompositionslehrerin von einer ungewohnten Seite. Gemeinsam mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Raoul Pugno komponierte Boulanger zwischen 1909 und 1913 in keineswegs konfliktfreier Zusammenarbeit diese psychologisch tieflotende Oper, die um Ehebruch, Inzest und Mord aus Eifersucht kreist. Zwei Männer konkurrieren um eine Frau – nur ist einer der beiden ihr Bruder. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen haben nicht nur die Uraufführung der Toten Stadt zu Lebzeiten der Komponistin – sie starb 1979 – verhindert, auch die Orchesterpartitur ging verloren.

Nach anderen Rekonstruktionsversuchen haben Joseph Stillwell und Stephan Cwik eine kammermusikalische Aufführungsversion erarbeitet. Erstaunlich, was sie aus der kleinen Besetzung, bestehend aus Streichquartett plus Kontrabass, Bläserquintett und Klavier, an exquisiten Orchesterfarben herausholen. Und diese Fassung hat Dirigent Neal Goren 2024 mit seiner New Yorker Catapult Opera in Koproduktion mit der Griechischen Nationaloper von Athen auf die Bühne gebracht. Die Ersteinspielung der Produktion ist verblüffend, denn die Musik lockt verführerisch impressionistisch und erinnert – auch vom Sujet her – unüberhörbar an Claude Debussys zehn Jahre früher entstandene Oper Pelléas et Mélisande. In La ville morte sind Boulanger und Pugno fragile Seelenporträts gelungen.

Neben dem klangsinnlichen Talea Ensemble überzeugt auch das Solistenquartett, aus dem Melissa Harvey als Hébé mit innigem Sopran herausragt – vor allem wenn sie kurz vor ihrer Ermordung in einem intensiven Monolog Antigone und Kassandra als Schwestern anruft. Denn D’Annunzios Libretto verschränkt antike Mythologie mit dem heutigen Mykene als Schauplatz der Oper. In dieser Toten Stadt gräbt der Archäologe Léonard Schätze aus – schade nur, dass der Tenor Joshua Dennis vor allem mit seiner finalen Wahnsinnsszene stimmlich arg überfordert ist. Ansonsten kann man nach dem Hören dieser Opern-Rarität der Booklet-Autorin Caroline Potter nur zustimmen: „Jeder, der ein Bild von Nadia Boulanger als strenger Lehrerin hat, wird durch das blutige, inzestuöse Thema dieser Oper in seinen Vorurteilen erschüttert.“

Portraits of Women – Music for Piano four hands (Da Vinci Classics)

Portraits of Women © Da Vinci Classics

Da Komponistinnen öffentliche Karrieren lange verwehrt waren, blieb ihnen meist nur das Klavier, das häusliche Musikinstrument par excellence, um sich kompositorisch auszudrücken. Auf seinem aktuellen Album präsentiert das italienische MusikFestPianoDuo zur Abwechslung mal Klaviermusik zu vier Händen vor allem von französischen Komponistinnen der Belle Époque. Die Genrestücke von Germaine Tailleferre, der einzigen Frau innerhalb der Groupe des Six, Cécile Chaminade und Mélanie Bonis bestechen durch Witz, Verve, Charme und Lokalkolorit.

Zu diesen mittlerweile bekannten Namen gesellen sich echte Entdeckungen: ein klassisch orientiertes Duett der englischen Mozart-Zeitgenossin Jane Savage, zwei stimmungsvolle Naturbilder der 1976 geborenen Kanadierin Christine Donkin und zwei schottische Folksongs von Helen Hopekirk für Solo-Klavier, die Anna Caporaso vom MusikFestPianoDuo für vier Hände arrangiert hat. Highlight des Albums ist die Suite Summer Dreams von der Amerikanerin Amy Beach – in ihren reizvollen Charakterstücken reicht das Spektrum von Trippelschritten im Walzertakt und Träumen in der Abenddämmerung bis zu einer wilden Tarantella und einem zärtlichen Wiegenlied.

Hörenswertes Repertoire fraglos – aber leider kommen Carlo Benatti und Anna Caporaso mit ihrem holprigen Duospiel nicht über Hausmusik-Niveau hinaus. Und bei der nur 50-minütigen Spieldauer des Albums hätten die Suiten von Chaminade, Donkin und Hopekirk, die hier nur in Ausschnitten dokumentiert sind, locker komplett auf die CD gepasst – die fehlenden Miniaturen hätten wir gerne zusätzlich kennengelernt.

Emilie Mayer – Für Emilie (Da Vinci Classics)

Emilie Mayer – Für Emilie © Da Vinci Classics

Emilie Mayer war eine emanzipierte Frau – sofern man das von einer Komponistin im 19. Jahrhundert überhaupt sagen kann. Mayer blieb unverheiratet, widmete sich ganz dem Komponieren, ließ ihre Werke drucken und aufführen, versammelte die gesellschaftliche Elite in ihrem Berliner Salon. Von der Emilie Mayer Gesellschaft gefördert, hat das junge Amai Quartet sein Debüt-Album Für Emilie ganz der Romantikerin gewidmet. Amai steht für die künstlerische Initiative Association for Music and Artistic Interaction und vereint im Quartett drei Musikerinnen und einen Musiker aus Italien, Japan und China. Die vier, die sich Ende 2020 beim Studium in Wien zusammengefunden haben, musizieren auf einem erfreulichen Niveau, gestalten differenziert und ausdrucksvoll.

Von den sage und schreibe zwölf Streichquartetten Mayers, von denen acht erhalten sind, hat das Amai Quartet zwei recht unterschiedliche Werke ausgewählt. Das konventionellere F-Dur-Quartett bietet graziöse Melodien und im Andante cantabile einen originellen Variationssatz. Richtig spannend ist dann das gehaltvollere G-Dur-Quartett mit seinen markanten Themen, dynamischen Kontrasten und dramatischen Einbrüchen. Klar, das kraftvolle Scherzo erinnert an Beethoven – wobei positiv auffällt, dass der informative Booklet-Text über Emilie Mayer mal ohne das vielzitierte, gleichwohl fragwürdige Kompliment vom „weiblichen Beethoven“ auskommt. Dr. Reinhard Wulfhorst konnte bereits 2023 klar nachweisen, dass sich dieser Begriff erst über ein musikwissenschaftliches Seminar unglücklich als angeblich zeitgenössische Bezeichnung verbreitet hat. In ihrem Komponistinnen-Buch Fortissima! (Goldmann 2025) hat Susanne Wosnitzka die Umstände dazu erläutert.

Agnes Tyrrell: Ein Hauch vom Paradies (CPO)

Agnes Tyrell – Ein Hauch von Paradies © cpo/Deutschlandfunk Kultur

Englischer Vater, tschechische Mutter: 1846 wurde Agnes Tyrrell im habsburgischen Brünn geboren. Ihre pianistische Wunderkind-Karriere musste sie wegen ihrer angeschlagenen Gesundheit bald aufgeben. Von Bruckners Kontrapunkt-Lehrer bekam sie Unterricht, von Liszt ein Empfehlungsschreiben. Trotz ihres kurzen Lebens – Tyrrell starb mit 36 Jahren an einer Herzerkrankung – hat sie knapp 300 Werke hinterlassen.

Dass wir jetzt erstmals einige davon in hochkarätiger Interpretation erleben können, ist der Leipziger Pianistin Kyra Steckeweh zu verdanken. Auf ihre Initiative geht dieses Album mit Chorwerken und Klavierstücken von Agnes Tyrrell zurück, die Steckeweh als erfahrene Noteneditorin beim renommierten Musikverlag Ries & Erler zum Großteil auch selber publiziert hat. Für den Vokalpart hat sie den GewandhausChor Leipzig unter seinem Leiter Gregor Meyer gewinnen können. Und der überzeugt in den klangschönen Vertonungen romantischer Dichtung von Eichendorff, Tieck oder Heine durch seinen hochkultivierten, homogenen, fast vibratolos reinen Chorklang, der vor allem in einem kleinen Jahreszeiten-Zyklus Tyrrells für A-Cappella-Gesang zur Geltung kommt.

Die Klavierbegleitung zu drei Vokalkompositionen Tyrrells – zwei für Frauen-, eine für Männerchor, darunter auch die durch Schumanns Liederkreis berühmt gewordene Mondnacht – hat Steckeweh selbst übernommen. Die Chorwerke rahmt Steckeweh mit attraktiven Klavierstücken von Tyrell ein. Schon das einleitende h-Moll-Impromptu zieht einen mit seinem aufgewühlten Tonfall sofort in seinen Bann. Das gilt erst recht für die wahrhaft Grand Sonata in fis-Moll, in der Tyrell handwerkliches Können, Erfindungskraft und Ausdruckstiefe zu einem brillanten Klavierwerk verschmolzen hat. Allein das wildgezackte Scherzo, das bald in heitere Walzerlaune verfällt, ist mit seiner Dur-Moll-Ambivalenz ein Kabinettstück sondergleichen. Kyra Steckeweh zeigt durch klare Artikulation und pointierten Anschlag, was für ein Schatz hier gehoben wurde – und der gehört unbedingt ins Repertoire.

Originelles – Marion Frère (Evidence)

Originelles Marion Frère © Evidence

Die 1994 geborene französische Cellistin Marion Frère hat es sich nicht leicht gemacht mit ihrem Debüt-Album Originelles, in dem sie komponierende weibliche Originale feiert – sich selbst eingeschlossen. Denn Frère eröffnet ihr ambitioniertes Konzeptalbum mit einer Eigenkomposition: Baou ist ein radikales Cello-Solo, so rau wie das gleichnamige provenzalische Felsmassiv. Ein archaisches, extrem geräuschhaftes Stück voller Konvulsionen und Eruptionen, das heftige Atemzüge und Vokalisen der Interpretin miteinbezieht.

Das übrige Repertoire des Albums ist eine wilde Mischung, die von einem esoterischen Hildegard-von-Bingen-Arrangement bis zu Streichquartett-Stücken von Marthe Bracquemond reicht, die Marion Frère mit ihrem eigenen Ensemble Les Gabriëles eingespielt hat – postimpressionistische Miniaturen sind das, mit einem modernistischen Touch. Verbunden sind die fünf Werke durch französischsprachige poetische Zwischentexte, die mit Meeresrauschen und Vogelgezwitscher untermalt werden.

„Mit ihrem Debüt-Album vollbringt Marion Frère eine bahnbrechende Tat: Sie öffnet einen geheimen Raum für unbekannte Frauenstimmen“, heißt es vollmundig im Booklet, und weiter: „Sie beschwört eine Welt herauf, in der die Erinnerung an Frauen endlich ihren rechtmäßigen Platz in der großen Welt der Musik findet.“ Nun, das haben auch schon andere getan. Ein Ereignis ist allerdings das Hauptwerk auf Frères CD, die Grande sonate dramatique von Rita Strohl aus dem Jahr 1892, die ihrem Titel alle Ehre macht. Das groß angelegte spätromantische Werk, inspiriert von Pierre Corneilles Drama Titus et Bérénice, fasziniert mit seinem rhapsodischen Tonfall, seinem leidenschaftlichen Aufbegehren und seinen visionären Zügen.

Ein tiefer Ausdruckswille ist da spürbar in der Musik von Rita Strohl, den Marion Frère und ihr fantastischer Pianist Théo Penven mit großer Emphase ausloten. Die exponierte Höhe des anspruchsvollen Celloparts bringt Marion Frère allerdings mitunter an ihre Grenzen. Mit ihrer verdienstvollen Aufnahme macht sie jedoch auf ein grandioses Stück Kammermusik aufmerksam, das für alle Cellist*innen eine willkommene Repertoire-Bereicherung sein dürfte.

Elements | Jasmine Petals (Salomé)

Elements | Jasmine Petals © Salomé

Während der Corona-Pandemie hat die Pianistin Fidan Aghayeva-Edler, 1987 in Baku geboren, ihre Leidenschaft für vergessene Komponistinnen entdeckt und Klaviermarathons ausschließlich mit deren Musik bestritten. Jetzt hat sie ein Doppelalbum mit lauter Ersteinspielungen bei ihrem Eigenlabel Salomé veröffentlicht, das Aghayeva-Edler zusammen mit der niederländischen Klangkünstlerin Jobina Tinnemans erst kürzlich gegründet hat. Und von der stammt auch ein archaisch anmutender Klavierzyklus auf dem ersten Album Elements: In Seven Sisters hat Tinnemans sieben Porträts der mythologischen Töchter von Atlas und Pleione entworfen, den Plejaden, die als Sternbild in die Galaxie eingegangen sind. Eingerahmt werden diese Tonbilder von einem zauberhaften Ausflug in Louisa Alcotts Jugendromane Little Women, deren kindliche Atmosphäre die amerikanische Komponistin Marti Epstein in The Piano at the Palace Beautiful mit Schumann-Reminiszenzen eingefangen hat. Ihre US-Kollegin Carolyn Chen dagegen spinnt in Tearing die mystische Klangwelt Alexander Skrjabins weiter.

Auch auf ihrem zweiten Album Jasmine Petals taucht Fidan Aghayeva-Edler mit ihrem subtil perlenden Anschlag in meditative Klangsphären ein, in denen die Zeit entschleunigt, wenn nicht aufgehoben scheint. Der titelgebende Zyklus Jasminblüten von der 2024 verstorbenen Rahilia Hasanova, die wie Aghayeva-Edler aus Aserbaidschan stammt, reflektiert den Kreislauf der Natur zwischen Schönheit und Vergänglichkeit. Während sich die renommierte australische Komponistin Liza Lim in Winter, dem expressivsten Stück des Doppelalbums, vom Jahreszeiten-Zyklus des Malers Cy Twombly inspirieren ließ, nahm die Engländerin Hannah Kendall in Processional das gleichnamige Monumentalgemälde von Norman Lewis zum Vorbild, um den legendären Civil Rights March der schwarzen Bürgerrechtsbewegung von 1965 in die Tasten zu meißeln.

Zwei Klavierstücke der serbischen Komponistin Aleksandra Vrebalov runden das zweite Album ab. Indigo Codes ist eine extrem reduzierte Meditation über Einzeltöne – entstanden als eine Art Gegengift gegen Vrebalovs Verzweiflung, die sie während ihres Musikunterrichts für vertriebene Kinder aus Syrien und dem Irak ergriffen hat. Mit Danube Etude über einen Ostinato, den sie mit folkloristischen Zymbal-Imitationen umspielt, sorgt Vrebalov für das perfekte Schlussstück einer außergewöhnlichen Edition, die dank Fidan Aghayeva-Edlers klangsensiblem Klavierspiel zu einem wohltuenden Ruhepol in der aktuellen Komponistinnen-Diskografie geworden ist.

Barbara Strozzi – Virtuosissima Sirena (Arcana)

Barbara Strozzi –Vitruosissima Sirena © Arcana

Ein Leben als Dienstmagd, Nonne oder Braut – das waren, je nach sozialem Status, die einzigen Optionen für Frauen im Seicento, also im Italien des 17. Jahrhunderts, schreibt Guido Barbieri im Booklet zum Album Virtuosissima Sirena. Mit der „hochvirtuosen Sirene“ ist die Venezianerin Barbara Strozzi gemeint, eine völlige Ausnahmeerscheinung in diesem Umfeld und bis heute die bekannteste und produktivste Komponistin der Barockzeit. Singen und musizieren durften Frauen damals, hinter Klostermauern, in Adelspalästen oder auf Theaterbrettern – aber komponieren? Barbara Strozzi, gerühmt für die Schönheit ihrer Stimme, hat alles anders gemacht. Obwohl nie verheiratet, hat sie vier Kinder bekommen. In der Akademie ihres Vaters ästhetische Diskurse befeuert. Nach dessen Tod ihren Lebensunterhalt durch Gesangsunterricht selber bestritten. Und eben komponiert – mit wachsendem Erfolg.

Acht Bücher mit rund 120 Kompositionen hat Barbara Strozzi nach ihrem Tod 1677 hinterlassen: Madrigale, Kantaten, geistliche Arien, Arietten. So unkonventionell wie ihr Leben ist auch ihre Musik. Nicht nur, dass sie als Schülerin von Francesco Cavalli die barocke Affektenlehre souverän beherrschte. Strozzi arbeitet darüber hinaus mit improvisatorischen Stilelementen, experimentiert mit chromatischen Wendungen und dissonanten Intervallen – immer mit der Intention, den musikalischen Ausdruck zu intensivieren, sei er tragischer oder ironischer Natur.

Eine kleine Auswahl aus Barbara Strozzis umfangreichem Schaffen hat der Mailänder Riccardo Doni mit seinem 2009 dort gegründeten Originalklang-Ensemble Accademia dell’Annunciata neu eingespielt, erweitert um zwei Sonaten ihrer Zeitgenossen Giovanni Legrenzi und Dario Castello. Im Zentrum stehen drei große Solokantaten, Strozzis Spezialität, herzzerreißende Klagegesänge voller rasch wechselnder Affekte und harmonischer Kühnheiten wie dem charakteristisch absteigenden Seufzer- und Tränenmotiv. In diesen Monteverdi-nahen Gesangsszenen hat die Sopranistin Laura Catrani mit ihrem expressiven Timbre ihre stärksten Momente, und die Accademia dell’Annunciata liefert dazu ein farbig instrumentiertes Continuo. In den koketten Madrigalen wie dem finalen Tradimento beweist Catrani aber auch komödiantisches Talent.

Piano Heroines – Claire Huangci (Alpha Classics)

Piano Heroines © Alpha Classics

Ihr aktuelles Album hat die amerikanische Pianistin chinesischer Abstammung Claire Huangci, Jahrgang 1990, Piano Heroines gewidmet. Im Booklet schreibt sie dazu: „Da ich in den USA geboren und aufgewachsen bin und seit 2007 in Deutschland lebe, spiegelt die Zusammenstellung von zwei amerikanischen und zwei deutschen Komponistinnen in gewisser Weise meinen eigenen künstlerischen Werdegang wider.“ Fanny Hensel (geborene Mendelssohn Bartholdy) und Clara Wieck (verheiratete Schumann) werden immer als Erste genannt, wenn es um Komponistinnen geht. Aber auch die Amerikanerinnen Amy Beach und Florence Price sind mittlerweile keine Unbekannten mehr. Mit ihrer klugen Werkauswahl und ihrer geschickten Gegenüberstellung der beiden Kulturen zeigt Huangci verschiedene Spielarten von Romantik auf.

Schon im einleitenden hochvirtuosen Capriccio von Fanny Hensel demonstriert Claire Huangci atemberaubend brillantes Klavierspiel – das ist eine Klasse für sich. In den vier Monatsbildern aus Hensels Zyklus Das Jahr beweist sie aber auch differenzierte Gestaltungskraft. Und die von Huangci eingespielten Klavierstücke von Amy Beach stehen für deren stilistische Vielseitigkeit – so reicht das Spektrum von der Fantasia Fugata, einer katzenhaft verspielten Scarlatti-Hommage, über den todtraurigen Cradle Song of the Lonely Mother bis zu Rachmaninow-Flair in den Four Sketches.

Die beiden Beispiele aus den Soirées Musicales von Clara Wieck zeigen den enormen Einfluss, den Chopins Klavierkunst auf alle Zeitgenoss*innen damals ausgeübt hat. Als Besonderheit bietet Huangci in dieser Werkgruppe auch den intimen Mittelsatz aus Wiecks Klavierkonzert, eine poetische Romanze für Klavier, das hier lediglich von einem Cello begleitet wird; für die wenigen Takte hat Huangci eigens den Cellisten Tristan Cornut engagiert. Höhe- und Schlusspunkt des Albums sind dann die fünf Titel der mittlerweile vielgespielten Afroamerikanerin Florence Price, die als Frau und Person of Color doppelter Diskriminierung ausgesetzt war – Sexismus und Rassismus. Claire Huangci bringt für den sehnsuchtsvollen Ton von Price zwischen Spiritual, Ballade, Waltz und Cotton Dance von den Plantagen genau das richtige Feeling mit – einfach unwiderstehlich!

East Meets West – Anne-Sophie Mutter (Alpha Classics)

East Meets West © Alpha Classics

So kann’s gehen. Da nimmt die populärste Geigerin unserer Tage, Anne-Sophie Mutter, in Koproduktion mit BR Klassik zeitgenössische Musik auf, die in ihrem Auftrag entstanden und ihr gewidmet ist – und die Major-Labels winken ab: kein Interesse an einer Veröffentlichung, kommerziell unrentabel. Bei Alpha Classics jedoch stößt Mutter mit ihrem Projekt, mit dem sie auch Stipendiat*innen ihrer Stiftung fördert, auf Begeisterung. Man lädt sie ein, bei dem Label ihre eigene CD-Serie ASM Forte Forward zu realisieren. Schließlich hat Mutter, übrigens als erste Frau, 2008 den Ernst von Siemens Musikpreis, der als „Nobelpreis der Musik“ gilt, auch für ihr Engagement zugunsten zeitgenössischer Musik erhalten.

Anne-Sophie Mutter, die als Berufsbezeichnung immer „Geiger“ für sich reklamiert hat, ist sicher keine Feministin. Aber das erste Album ihrer neuen Reihe hat sie immerhin zur Hälfte Komponistinnen gewidmet. East Meets West lautet der Titel, unter dem Mutter zwei Komponisten aus Europa zwei Komponistinnen aus Asien gegenüberstellt: eine raffinierte Beethoven-Dekonstruktion für Streichquartett von Jörg Widmann und eine schwerelose, in höchsten Höhen schwebende Sibelius-Hommage mit Orchesterbegleitung von Thomas Adès treffen auf zwei kammermusikalische Geigen-Stücke aus jüngster Zeit.

Zusammen mit ihrer Ex-Stipendiatin Nancy Zhou präsentiert Mutter das hochvirtuose Violin-Duo Gran Cadenza der Koreanerin Unsuk Chin, wie Mutter Siemens-Preisträgerin. Die beiden Geigerinnen sind ideale Partnerinnen, agieren auf Augenhöhe und liefern sich einen mit allen technischen Finessen gespickten Dialog zwischen wildgezackten Skalen und nachtfahlen Untiefen – mal Streit-, mal Zwiegespräch.

Fast noch eindringlicher ist der Monolog Likoo von der 1987 in Teheran geborenen Aftab Darvishi – der Titel steht für ein Musikgenre aus dem Iran, für Lieder voller Trauer über den Verlust geliebter Menschen und die Sehnsucht nach ihnen. In der enorm verdichteten Partitur schöpft Anne-Sophie Mutter alle Facetten brillant aus und lässt uns so in eine faszinierend fremde Klangwelt eintauchen. Im Juni feiert sie ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum mit einer großen Deutschland-Tournee, im Reisegepäck hat sie dann auch Darvishis Likoo – wie schön!

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