von Fridemann Leipold (ehemaliger Musikredakteur BR Klassik)
Kunst kommt von Können?! Unter dieses Motto stellte die Freiburger Musikstudentin Clarissa Merz ihr Abschlussprojekt zum FrauenFörderStipendium Musik, das sie für das Studienjahr 2024/25 erhalten hatte. In der Freiburger Musikhochschule bat Merz am 23. April 2026 zwei prominente Gäste zum Panel-Talk über Musik, Karriere und Kompetenz: Janina Klassen, emeritierte Hochschullehrerin und Clara-Schumann-Expertin, und Mary Ellen Kitchens, Dirigentin und Vorstandsfrau des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik/Archiv Frau und Musik.

EINE ATTACKE AUFS GEHÖR
Schon im Foyer des Kammermusiksaals der Freiburger Musikhochschule ungewohnte Klänge: ein Rauschen, Bohren, Scratchen, Brummen, Schaben und Knacken. Dazwischen ein paar dunkel raunende Worte aus einem Klagegedicht der griechischen Lyrikerin Kiki Dimoula (1931-2020) über eine spartanische Kindheit ohne Märchen. Eine Attacke aufs Gehör als totaler Cut zum frühlingshaften Alltagstrubel draußen, ein gewollter Bruch, der sich drinnen im abgedunkelten Auditorium multiperspektivisch fortsetzte. Mit der elektronischen Komposition and i as you des jungen Griechen Giannis Giannopoulos, Absolvent der Freiburger Musikhochschule, rahmte Clarissa Merz, die dort den Master-Studiengang Gehörbildung absolviert, ein Herzensprojekt: Mit dem Panel Kunst kommt von Können?! beschloss Merz das FrauenFörderStipendium Musik, das sie für das Studienjahr 2024/25 erhalten hatte – ein Drittmittelprojekt von Bund und Land, das ein dezidiertes Gleichstellungskonzept an Hochschulen verfolgt. Die Stipendiatinnen bekommen Coaching, Mentoring und einen kleinen Etat, um konkrete Projekte zu entwickeln, die diesem Ziel dienen. Dazu nun bat Merz, Jahrgang 1998, die Schumann-Expertin Janina Klassen und die Dirigentin Mary Ellen Kitchens aufs Podium, um den Wahrheitsgehalt des geflügelten Wortes „Kunst kommt von Können“ unter weiblichem Aspekt zu diskutieren, zu überprüfen, infrage zu stellen.
KÖNNEN, WOLLEN, MÜSSEN – ODER DÜRFEN?
Kunst kommt von Können, oder? Der Aphorismus geht auf den Dichterphilosophen Johann Gottfried Herder zurück, der geschrieben hat: „Kunst kommt von Können oder Kennen her, vielleicht von beiden, wenigstens muß sie beides in gehörigem Grad verbinden. Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Sachen des Könnens kaum trauet; wer kann ohne zu kennen, ist ein bloßer Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet beides.“ Kitchens brachte noch das Bonmot des Münchner Komikers Karl Valentin ins Spiel: „Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.“ Aber ist das künstlerische Wollen nicht eine Grundvoraussetzung für die Entstehung von Kunst? „Kunst kommt durch Arbeit“, meinte der frühverstorbene deutsche Schriftsteller Jakob Arjouni, sicher auch nicht falsch. Und Arnold Schönberg postulierte gar: „Kunst kommt nicht von Können, sondern vom Müssen“, also aus innerer Notwendigkeit heraus. Aber auch dies ist ein zweischneidiges Schwert: Wie oft hatte und hat Kunst dem Staat zu dienen, denkt man nur an das in der Sowjetunion verordnete Dogma des Sozialistischen Realismus, unter dem vor allem Schostakowitsch zu leiden hatte.
WIE „LUFT ZUM ATMEN“
Bei der Diskussion über das Motto der Veranstaltung plädierte Mary Ellen Kitchens gerade im Hinblick auf lange und teils heute noch verhinderte Karrieren von Frauen für die Devise „Kunst kommt von Dürfen“. Es brauche eben auch entsprechende Freiräume, um sich entfalten zu können, Kunst zu schaffen, zu komponieren. Im 19. Jahrhundert konnten Frauen davon oft nur träumen – die wenigsten hatten das Glück liberaler Ehemänner, die sie komponieren ließen, teilweise sogar dabei aktiv unterstützten. Einige blieben – bewusst? – unverheiratet, um freier agieren zu können. Janina Klassen skizzierte den damals normativen Gegensatz von Handwerk und Geniekult oder Autonomieästhetik, die männlich konnotiert war: Der Künstler schöpft aus sich selbst. Von Clarissa Merz zum Selbstverständnis Clara Schumanns befragt, antwortete Klassen, die 2009 die maßgebliche Biografie über sie publiziert hat, die Romantikerin habe ihre gesellschaftlich definierte Rolle als Frau, Ehegattin und Mutter zwar nicht infrage gestellt. Aber bereits als Kind habe Clara Wieck eigene Kompositionen am Klavier gespielt, zumal die pianistische Ausbildung damals eng mit musiktheoretischer Unterweisung verbunden war. Wieck war also schon früh eine professionelle Komponistin, vom Eros des Komponierens beflügelt, das für sie wie „Luft zum Atmen“ gewesen sei – also doch eine Art von Freiraum.
AUS DER RIPPE ADAMS?
Im Übrigen habe im 19. Jahrhundert die Naturwissenschaft als Maßstab aller Dinge gegolten – und demzufolge die Frau als defizitärer Modus des Männlichen. Basierend auf einer patriarchalischen Interpretation des biblischen Schöpfungsmythos von der aus einer Rippe Adams erschaffenen Eva, versuchte man mit naturwissenschaftlichen Methoden nachzuweisen, Frauen seien Männern gegenüber defizitär – eine absurde Idee, sollte man meinen. Folgt man aber der Leipziger Autoritarismus-Studie von 2024, sind solche antifeministischen und sexistischen Denkweisen auch heute noch bei einem Viertel der Befragten fest verankert. Damit einher geht eine erschreckend breite Akzeptanz des traditionellen Frauenbildes. In dem Zusammenhang kam bei dem Talk auch die längst widerlegte These zur Sprache, nur Vögel-Männchen würden zur Balz singen.

EINE AKADEMISCHE FRAUEN-KARRIERE
Aus eigener Erfahrung konnte Janina Klassen beisteuern, dass sie in den 1980er Jahren an der Kieler Universität zunächst die einzige Doktorandin war. Immerhin akzeptierte ihr Professor eine Dissertation über Clara Schumann! Später bewarb sich Klassen an der TU Berlin um eine Assistentenstelle – und kam mit einem weiteren Bewerber in die Endauswahl. Als sich der Lehrstuhlinhaber gewohnheitsmäßig für den Mann entschied, hakte das Gleichstellungsbüro nach: Ob bei gleicher Qualifikation der Zuschlag nicht doch der Bewerberin zustünde? Damals stand diese Regelung noch nicht standardmäßig in den Ausschreibungen. Ihm sei es egal, antwortete der Professor – und nahm Klassen. Glück für sie, und ihrer Habilitation in Berlin stand nichts mehr im Wege. Damit war die Musikwissenschaft an der TU genderparitätisch besetzt. Und als Klassen 1999 Professorin an der Freiburger Musikhochschule wurde und dort über 20 Jahre lehrte, musste die rein männlich besetzte Fachgruppe im Umgang mit der neuen Kollegin erstmal einen anderen Kommunikationsstil finden.

IN DREI SCHRITTEN ZUM ERFOLG
Für die gebürtige Amerikanerin Mary Ellen Kitchens wiederum war neben den Münchner Dirigierkursen von Sergiu Celibidache vor allem die Begegnung mit der legendären Dirigier-Pionierin Antonia Brico (1902-1989), die Kitchens 1975 in New York noch live am Pult erlebt hatte, eine Initialzündung. Gezeigt wurde damals auch der bahnbrechende Dokumentarfilm über Brico Antonia: A Portrait of the Woman. Um mehr Sichtbarkeit von Komponistinnen der Vergangenheit herzustellen – in der zeitgenössischen Avantgarde-Szene ist das anders –, sei ein Dreischritt zielführend, empfahl Kitchens in Freiburg. Zunächst müsse entsprechendes Notenmaterial gefunden und zur Verfügung gestellt werden, wie es beispielsweise das Archiv Frau und Musik in Frankfurt/Main durch seinen Recherche- und Auskunftsservice leiste, auch in Kooperation mit der Dresdner Notenbibliothek des BDLO, des Bundesverbands Amateurmusik Sinfonie- und Kammerorchester. Erstaunlich sei vor allem, dass Frauen im 19. Jahrhundert großformatige symphonische Werke geschrieben hätten, ohne jemals die Möglichkeit gehabt zu haben, ein Orchester von innen zu erleben. Dann sei Vermittlungsarbeit auf allen Ebenen notwendig, so Kitchens, Schulprojekte, Konzertmoderationen – was während ihrer Pariser Ausbildung bei Pierre Dervaux noch keine Rolle gespielt habe. Komponistinnen und Dirigentinnen kamen damals noch kaum vor. Und schließlich müssten Frauen zunächst noch gezielt gefördert werden, etwa vom Frankfurter Archiv, von musica femina münchen und vielen anderen Organisationen, die in diesem Bereich arbeiten. Für junge Dirigentinnen etwa biete der Pariser Wettbewerb La Maestra eine riesige Chance, um auf sich aufmerksam zu machen.

NUR MUT! ENTSPANNT EUCH!
Als Clarissa Merz fragte, ob man bei Komponistinnen-Programmen diese herausstellen oder lieber die Musik für sich sprechen lassen solle, war sich die Runde einig: Es wäre doch irreführend, ein Konzert mit Musik von Mendelssohn und Schumann anzukündigen, wenn es sich um Werke von Fanny und Clara handele. Merz, die an der Wiener Universität offenbar ungute Erfahrungen gemacht hat, sich als Betroffene im Kampf um Gleichberechtigung bezeichnete und viel von Unsicherheit, ja Angst sprach, wurde beim Panel zum Abschluss ihres Stipendiums von allen Beteiligten ausdrücklich ermutigt. Eine gewisse Robustheit, sich durchzusetzen, sei allerdings schon hilfreich, meinte Klassen. Die Gremien – so der Zwischenruf von Merz’ Professor Konrad Georgi aus dem Publikum – sollten endlich ihre Hausaufgaben machen und u. a. Ausschreibungen für Stellenbesetzungen gewissenhaft durcharbeiten! Und als eine Kompositionsstudentin bekannte, sie habe gezögert, ob sie sich mit einem eigenen Stück an einem reinen Komponistinnen-Programm beteiligen solle, stimmte Kitchens in die optimistische Tonlage von Klassen ein: Es habe sich so viel getan in den letzten fünf bis zehn Jahren. Ganz egal, ob reine Frauen- oder gemischte Programme, denen beide tendenziell den Vorzug gaben – Hauptsache, Werke von Komponistinnen würden aufgeführt, und nicht nur am 8. März. Zu guter Letzt empfahl Kitchens: „Vorwärts blicken – nur nicht verkrampft sein!“
