Klavierwerke aus dem Archiv #10 – Vorgestellt von Uta Walther

Skizze 02/Scetch 02 für Klavier solo von Mari Vihmand

„lch versuche, ein Gleichgewicht zwischen intellektuellen Konstruktionen und einem hochemotionalen Ausdruck zu finden“[1] sagt die aus Estland stammende Komponistin, Musikpädagogin und Chorleiterin Mari Vihmand über ihre kompositorische Arbeit. Das Estonian Music Information Centre EMIC würdigt ihr Schaffen mit den folgenden Worten: „Mari Vihmand war in den 1990er-Jahren eine der ersten Komponist*innen, die sich auf eine Synthese von Klang und melodischem Denken konzentrierte. lhre Musik vereint romantische lmagination und rationelles Formen-Denken. Sie kombiniert musikalische Entwicklungen mit dem Spiel von Klang und Klangfarben. Die Rhythmen sind sensibel und asymmetrisch, Harmonien dienen der Farbgebung. Viele von Vihmands Werken sind von Poesie und Literatur inspiriert. Die große Bandbreite ihrer Musik der letzten Jahre ist durch eine neoexpressionistische Emotionstiefe gekennzeichnet.“[2]

„Vihmand ist stets bestrebt, neue Wege zu finden, um ihre musikalischen ldeen auszudrücken und das Publikum zu begeistern. lhre Werke sind ein Zeugnis ihrer Fähigkeit, traditionelle und moderne Elemente in ihren Kompositionen zu vereinen. lhre innovative Herangehensweise und ihr künstlerischer Mut machen sie zu einer herausragenden Persönlichkeit in der modernen Musikszene.“[3]

Von der Estonian Academy of Music erhielt Mari Vihmand den Auftrag, das Pflichtstück für den 6. Estnischen Klavierwettbewerb zu schreiben. Sie komponierte das ca. fünfminütige Werk Skizze 02 (Scetch 02 / Eskiis 02), welches am 13. April 2002 seine Uraufführung erlebte.

Den Begriff Skizze kann man hier im musikalisch-kompositorischen Sinne verstehen, mit ein wenig Phantasie entstehen jedoch beim Spielen und Hören nahezu mühelos Assoziationen in weitere künstlerische Bereiche hinein, wie z.B. in die bildende oder auch in die szenisch-darstellende Kunst. Mir persönlich werden an manchen Stellen im Werk quasi Bleistiftstriche- und punkte oder sich aufbauende Farbflächen suggeriert, an anderen wiederum eine gewisse Dramatik von szenischen Handlungsverläufen. Es wechseln sich in bemerkenswert gut durchdachter und gefühlter zeitlicher Proportionierung freie Abschnitte, senza metro, und rhythmisch-metrisch sehr straffe, strenge Teile ab. Das für Profimusiker und Musikstudierende realisierbare Stück beginnt in dunkler Tiefe, mit einem geheimnisvoll-misteriösen Grollen, einem Triller, der sich zu aufsteigenden und crescendierenden Tremoli erweitert. Im Forte angekommen folgt ein Repetitionsmotiv, welches sogleich ins Piano zurückführt. Nach einer Generalpause, die durch das Pedal den vorherigen Klang   nachhören lässt, folgen zum einen leise, schnell hingeworfene als auch intensiver wirkende Motive.  Das letzte dieser Phrase wirkt durch gehaltenes Pedal und die nächste Generalpause wie eine im Raum stehenbleibende Frage. Danach erfolgt ein neuer Aufbau aus der Tiefe. Dieses Mal begründet das vorhin schon kurz dagewesene Repetitionsmotiv einen völlig neuen Abschnitt, es entwickelt sich zu einem leisen, sehr rhythmischen, intensiven „Morsezeichen“, durchsetzt von verzierungsähnlicher und chromatischer Geläufigkeit. Immer wieder blitzen zusätzliche Motive dawischen.

Nachdem sich das Geschehen über ein crescendo zum fortissimo entwickelte, folgt ein feroce-Teil, der in beiden Händen halb chromatisch mit immer wieder kleinen Veränderungen und accelerando in die Tiefe stürzt. Dort knüpft, im mezzopiano, fast erschrocken wirkend, eine stark pedalisierte dunkle Klangfläche an, die durch die Wiederholung von flotten Motiven entsteht. Crescendierend und beschleunigend mündet sie im nächsten senza metro – Teil, welcher mit Trillern, Chromatik und Terz- bzw. Doppelgriffeinwürfen spielt. Die folgenden Abschnitte greifen in immer neuen interessanten Varianten, Kombinationen, Farben und Schattierungen das bisherige Material auf, ohne ermüden zu lassen oder Gefahr zu laufen, bloße Wiederholungen zu produzieren. Der fulminante Schluss des musikalisch äußerst differenzierten Stückes, das Virtuositität nie nur zum etüdenhaften Selbstzweck einsetzt, wird vom feroce-Teil beherrscht und endet nach einer kurzen an- und abschwellenden Klangfläche mit einem effektvollen Forte-Zweiunddreißigstelmotiv, welches bis zum Subkontra-A  geführt wird.

Die Noten zu diesem Werk befinden sich seit Anfang des Jahres 2026 im Archiv Frau und Musik in Frankfurt/Main.

Auf YouTube findet man ein Video von Mari Vihmands Skizze 02 für Klavier mit der Pianistin Age Juurikas. Außerdem ist das Stück auf der 2019 erschienenen CD Northern Lights. Treasury of Estonian piano music enthalten, herausgegeben von der Estonian Association of Professional Musicians, Estonian Pianists’ Union (2019) und wiederum von der Pianistin Age Juurikas eingespielt:


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Zur Person und zum Schaffen der Komponistin

Mari Vihmand wurde 1967 in Tartu geboren und schloss ihr Kompositionsstudium bei Eino Tamberg und Lepo Sumera an der Estnischen Musik- und Theaterakademie in Tallinn ab. Von 1987 bis 1995 unterrichtete sie Musiktheorie und Gehörbildung am Tallinner Musikgymnasium. 1992 wurde sie Mitglied im Estnischen Komponistenverband. Um sich vor allem in den Bereichen der neuen Kompositionstechniken und der elektronischen Musik zu vervollkommnen, absolvierte sie 1996/97 am Konservatorium für Musik in Lyon / Frankreich bei Gilbert Amy und Philippe Manoury weitere Studien. Ihre Magisterprüfung legte sie 1997 bei Lepo Sumera an der Estnischen Musik- und Theaterakademie in Tallinn ab.

Seit 1997 lebt Mari Vihmand in Bad Urach/Schwäbische Alb und ist mit dem Komponisten Rainer Bürck verheiratet.

Mari Vihmands Werke wurden international von renommierten Orchestern und Ensembles aufgeführt, u. a. bei den Estnischen Musiktagen, beim Internationalen Festival für Neue Musik NYYD und bei den Herbstlichen Musiktagen Bad Urach. Den Estnischen Nationalen Kulturpreis erhielt sie im Jahr 1995 für ihre Kammeroper Eine Geschichte aus Glas, welche von den Märchenallegorien Hans Christian Andersens und Villy Sorensens inspiriert wurde. Beim von der UNESCO geförderten Wettbewerb International Rostrum of Composers in Paris gewann sie 1996 mit ihrem Werk Floreo für Sinfonieorchester den 1. Preis in der Kategorie der unter 30-jährigen Komponist*innen.

In der Estnischen Nationaloper fand 2008 die Uraufführung ihrer Oper Armastuse valem (Formel der Liebe) nach Szenen aus der Novelle Die Mathematik der Nina Gluckstein von Esther Vilar statt.

Einzelnachweise
[1] Sabine Kemna: Tableau Musical 39/2024, S. 3: Neu bei Furore: Mari Vihmand/Zitat EMIC Estonian Music Information Centre
[2] ebd.
[3] Sabine Kemna: Tableau Musical 39/2024, S. 3: Neu bei Furore: Mari Vihmand Quellen für diesen Artikel: Sabine Kemna: Tableau Musical 39/2024, S. 3: Neu bei Furore: Mari Vihmand; https://komponistinnen.org/artists/vihmand-mari/ ; https://en.wikipedia.org/wiki/Mari_Vihmand ; https://cantanous-reutlingen.de/#dirigentin ; https://furore-verlag.de/komponistin/mari-vihmand/  alle abgerufen am 27.06.2026, https://www.emic.ee/?sisu=heliloojad&mid=58&id=5&lang=eng&action=view&method=teosed#1610, abgerufen am 30. Juli 2026, Teile des Artikels erscheinen im August 2026 auch in der Kolumne „Da gibt’s was zu entdecken – Komponistinnen und ihre Chorwerke“ von Uta Walther in der Mitgliederzeitschrift „in/takt“ des Fränkischen Sängerbundes.

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