Amélie Nikisch (1862–1938) – Mehr als nur die Gattin von Arthur Nikisch

Gast-Blogbeitrag von Dr. Martin Trageser. Erstveröffentlichung.

Amélie Nikisch – „Ein weiblicher Operettenkomponist“, in: Blatt der Hausfrau, Heft 6 vom 7. November 1909, S. 3

Amélie Nikisch wurde als Sopranistin bekannt. Bei einer Probe hatte die am 28. Dezember 1862 in Brüssel als Amélie Heussner geborene Soubrette ihren späteren Ehemann Arthur Nikisch kennengelernt. Sie heirateten am 1. Juli 1885 und sie bekam vier Kinder. Arthur Nikisch (1855–1922) war zunächst Geiger in verschiedenen Orchestern, bevor er Erster Kapellmeister des Leipziger Stadttheaters (1878–1889) wurde, wo auch seine Frau zum Publikumsliebling avancierte. Zuvor hatte Amélie Nikisch bereits an der Kölner Oper Erfolge feiern können. 1889–1893 war Arthur Nikisch Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra. In dieser Zeit trat seine Frau häufig in seinen Konzerten als Sängerin auf. Eine Liste ihrer Auftritte in Boston findet sich auf der Website des Orchesters.[1] Später arbeitete sie auch als Gesangslehrerin. Weitere Stationen der Karriere von Arthur Nikisch waren die Königlich Ungarische Oper in Budapest von 1893 bis 1895 und vor allem die Position des Gewandhauskapellmeisters in Leipzig von 1895 bis zu seinem Tod 1922. Gleichzeitig leitete er die Berliner Philharmoniker. In jungen Jahren hatte sich Amélie Nikisch laut dem Komponisten Rudolf Kleinecke (1861–1941) wohl auch einmal als Dirigentin versucht. Im Pester Lloyd berichtete er nach ihrem Tod, dass 1894 in Budapest ein Künstlerabend des Tonkünstlerclubs für die Freiwillige Rettungsgesellschaft veranstaltet worden war. Das Intermezzo sinfonico scandaloso, das Kleinecke frei nach dem Intermezzo aus der Cavalleria rusticana bearbeitet hatte, wurde von verschiedenen Künstlern, darunter Arthur Nikisch, aufgeführt – dirigiert von seiner Ehefrau! Die Dirigentin kam bei der Probe „in den wechselnden Zeitmaßen so schwer zurecht, dass ihr ihr Gatte das Stäbchen aus der Hand nimmt und das Stück unter seiner Leitung durchspielen lässt“.[2] Am Konzertabend handhabt sie jedoch den Kochlöffel, der ihr als Taktstock dient, perfekt. Kleinecke kommentiert: „Das Stück muss wiederholt werden – ein neuer Dirigentenstern ist am Kunsthimmel aufgegangen.“ Zwar wurde das Sinfonico Scandaloso noch öfter aufgeführt, doch Amélie Nikisch trat nie wieder als Konzertmeister(in) auf.

Erste Sichtbarkeit als Komponistin

Nachdem sie ihre Karriere als Sängerin beendet hatte, kümmerte sie sich um ihre vier Kinder und gab weiterhin Unterricht. Der älteste Sohn Arthur Phillipp Nikisch (1888–1968) wurde ein bekannter Rechtswissenschaftler, der jüngste Sohn Mitja Nikisch (1899–1936) Pianist, Komponist und Tanzkapellenleiter. Die beiden Töchter blieben ebenfalls den Künstlerkreisen verbunden. Käthe Nikisch (1886–1968) heiratete den Leipziger Gewandhaus-Kapellmeister Edgar Wollgandt (1880–1949), Nora Nikisch (1897–1962) war mit dem Leipziger Schauspieler Ewald Schindler verheiratet. Am 9. Dezember 1906 trat Amélie Nikisch im Alter von 44 Jahren erstmals am Thalia Theater in Hamburg mit einer Komposition an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit der Librettistin Ilse Friedlaender, mit der sie auch weiterhin zusammenarbeiten sollte, brachte sie das Weihnachtsmärchen mit Musik in sechs Bildern Prinz Adolar und das Tausendschönchen auf die Bühne, das im Jahr darauf auch in Marburg aufgeführt wurde. Die Marburger Zeitung berichtet zunächst davon, dass die Komponistin die Frau des berühmten Dirigenten Arthur Nikisch sei. Über das Stück erfährt man wenig, nur dass keine Kosten und Mühen gescheut sowie „alle komischen Kräfte des Ensembles“ beschäftigt wurden. Es folgten drei weitere Aufführungen des Kinderstückes. Auch 1909 wird es in Dessau erfolgreich gespielt. 1908 gab es Aufführungen in Basel, bei denen es zu einem Unfall kam. Die Kleider einer Sängerin fingen Feuer, wobei sie schwerverletzt durch das rasche Eingreifen eines Feuerwehrmannes gerettet werden konnte. In Dessau wird das Stück 1910 lobend erwähnt. Ihm wird eine große Zugkraft beim kleinen Publikum zugesprochen. Von dem Weihnachtsmärchen ist übrigens ein handschriftliches Regiebuch,[3] das von dem Direktor des Thalia Theaters Leopold Jessner benutzt wurde, erhalten. Dies zeigt allerdings auch, dass es für Frauen schwer war, einen Verlag zu finden, der ihre Werke druckte. In einem Ausstellungskatalog über Leopold Jessners Bühnenbücher für das Hamburger Thalia Theater wird Folgendes über das Weihnachtsmärchen geschrieben:

Amélie Nikisch: Libretto-Buch zu „Prinz Adolar“; Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky TTH TB Nik 1

„Das Stück ist mit viel Musik, Gesang und Tanz ausgestattet. Im Mittelpunkt steht Tausendschönchen, eine bescheidene arme Waise. Sie und Prinz Adolar sind verliebt. Dieser soll aber eine andere Prinzessin heiraten. Um seinen Sohn zur Besinnung zu bringen, lässt König Quasselquatsch sogar Tausendschönchens Haus anzünden. Tausendschönchen ist jedoch klug und geschickt und erfährt außerdem von vielen Freunden Hilfe – unter anderem von Brunnennickel und Uraka Sumpfhuber und deren Kindern Molchfritze, Unkenemil, Krötenaugust, Salamanderlieschen und Muschellottchen. Auf der Bühne passiert technisch wie inhaltlich viel. So betritt Kantor Frosch mit folgender Regieanweisung die Bühne: „eine Geige am Rücken, kommt an einem Drahtseil herunter“. Mit dem Drahtseil wird er bei seinem Bühnenabgang auch wieder hinaufgezogen. Auch Tausendschönchen macht auf der Bühne viele Transformationen durch: Getarnt ist sie mit abgeschnittenem Haar und Knabenkleidern ein Diener am Königshof und zwischendurch auch eine verzauberte Taube. Sie handelt stets mit dem Prinzen gegen den König und den bösen Zauberer Hocuspocus. Sie ist die aktive und handelnde Kraft des Stückes. Zwischendurch wird sie zwar vom Prinzen gerettet, aber diesem gelingt die Rettung nur, weil sie ihn schon darauf vorbereitet und mit der richtigen Handlungsoption ausgestattet hat. Es ist in dieser Hinsicht bis heute eine überraschend moderne Märchenadaption. Das Inszenierungskonzept von Jessner ist im Regiebuch deutlich sichtbar: In vielen Anmerkungen zeigt sich eine intensive Auseinandersetzung mit dem Stück. Auch hier spielen die Positionen und Bühnenbewegungen der Schauspielenden eine große Rolle. Es gibt außerdem auch Textergänzungen. Meistens wird damit Tausendschönchen mehr Sprechtext zugeschrieben, der ihre Handlungsmacht weiter unterstreicht. Auch die Beleuchtungsnotizen sind detailliert: Lichteffekte lassen die zauberhaften Elemente wie eine Wunschkrone, Zauberfische und ein Zaubergarn besonders hervortreten.[4]

Das Stück muss damals populär gewesen sein, wurde allerdings nur in Auszügen von Verlagen gedruckt.

Meine Tante – Deine Tante

Nach diesem ersten, durchaus respektablen Versuch als Komponistin, traute sich Amélie Nikisch, erneut im Verbund mit der Librettistin Ilse Friedländer, an ein größeres Werk. Ihre erste Operette mit dem Titel Meine Tante – Deine Tante hatte ihre Uraufführung am 1. April 1911 am Dresdner Residenztheater. Vorlage war die Novelle Tantchen Rosmarin von Johann Heinrich Daniel Zschokke. Im Vorfeld stellte Amélie Nikisch fest, dass ihr Mann in keinster Weise an der Komposition der Operette beteiligt war. Er dirigierte die Operette allerdings später am Neuen Berliner Operettentheater. Der Rezensent des Leipziger Tageblatts F. A. Geißler[5] nennt schon den Titel sehr verheißungsvoll, erinnert er doch an ein Kartenspiel, aber auch an lustige Tanten in der eigenen Verwandtschaft. Im ersten Akt erlebt man ein ländliches Erntefest. Eine aristokratische Tante mit ihren drei Nichten wird vorgestellt. Die Jüngste, Suse, tanzt und feiert ausgelassen. Beschwipst flirtet sie mit mehreren jungen Männern. Ein Baron, der eine Wette abgeschlossen hat, verlobt sich mit ihr, ohne seinen Namen zu nennen, was  die Tante erbost. Sie will den Übeltäter finden und verkündet, dass die Nichte keinerlei Mitgift habe, woraufhin alle Männer auf der Bühne schweigen und der Vorhang fällt. Im zweiten Akt steht die andere Nichte Josefine im Mittelpunkt, die Varietéetänzerin werden will. Schließlich gibt es noch die dritte Nichte namens Lisbeth. Wie sie an einen Mann kommen, wird „mit gewohnten Operettenhumor“ geschildert. Laut F. A. Geißler sind alle Ingredienzen einer gelungenen Operette vorhanden, auch ein Ballett von Damen in Hosenröcken und ein Kinderballett.

Das Libretto von Ilse Friedländer wird gelobt, wenn es auch nach einem Höhepunkt im zweiten Akt abflacht und Streichungen nötig gewesen wären: „Der Dialog ist reich an feinen Spitzen und hübschen Witzen, allerdings oft auch an undelikaten Späßen, von denen das coupletartige Lied der Gräfin im zweiten Akte wohl das derbste ist; es könnte im Interesse der künstlerischen Wirkung gestrichen werden.“ Die Musik wird jedoch sehr gelobt, da sie sich „mit einem Zug volkstümlicher Frische vorteilhaft von manch anderer Operettenmusik unterscheidet. Es steckt Urwüchsigkeit und Unbefangenheit in dieser Musik, die stets scharf rhythmisiert, ohrenfällig und wohlklingend ist, ja mitunter sich sogar zum Charakteristischen erhebt“. Als Hauptnummer wird der Walzer „Ja, so ein Walzer hat`s an sich, den tanz ich“ gelobt. Aber auch die größeren Nummern gefallen dem Rezensenten, der ausdrücklich das Können der Komponistin lobt: „Die Instrumentation verrät eine erstaunlich kundige Hand, es finden sich darin geradezu neuartige Effekte wie zum Beispiel der zweimalige leise Tamtamschlag in dem schon genannten Solostück der Gräfin. Ein Mangel des Ganzen beruht darin, dass die komischen Figuren zu keiner rechten Entwicklung kommen und musikalisch deren Charakterisierung zu wenig durchgeführt wird.“

Theaterblut geleckt

Geißler gesteht Nikisch „Theaterblut“ zu und dass sie versucht, einen eigenen Stil zu finden. Er ist aber auch der Meinung, dass neben „Gutem und Wirksamen minder Gelungenes“ steht und sie sich zu sehr im „Stile landläufiger Tanzoperetten“ bewege. Er hofft bei weiteren Kompositionen eine „persönliche Eigenart“ bemerken zu können, schließt aber mit dem Lob: „Jedenfalls wird der Name Nikisch nicht nur als der eines genialen Dirigenten, sondern auch als der einer zukunftsreichen Komponistin zu gelten haben.“ Dirigiert wurde die Operette von Kapellmeister Koromanly und inszeniert vom Direktor der Residenztheaters Carl Witt persönlich. Die Operette war bei der Premiere erfolgreich. Es gab viel Applaus, verschiedene Nummern mussten wiederholt werden. Nach dem ersten Akt überließ die Komponistin den Applaus den Darstellern, kam aber nach dem zweiten Akt auf die Bühne. Am Ende wurde sie „unzählige“ Mal hervorgerufen und mit Lorbeer- und Blumengeschenken überhäuft.

Der Rezensent des Prager Tagblattes ist zwar nicht überschwänglich, aber auch er findet in seiner Besprechung am 3. April 1911 lobende Worte: „Die Operette ‚Meine Tante – Deine Tante‘ von Frau Amelie Nikisch, der Gattin von Arthur Nikisch (Text von Amelie Nikisch und Ilse Friedländer), brachte bei der samstäglichen Uraufführung im Dresdner Residenztheater den Eindruck hervor, dass die Komponistin nicht ohne Begabung ist. Es fehlt ihr allerdings die Technik. In der Erfindung hat sie gelegentlich eigene Züge, nur in der Instrumentation ist sie noch Anfängerin. Um die Geschichte modern zu machen, hatte man im dritten Akt einen Tanz mit acht Damen in Hosenröcken arrangiert. Frau Nikisch wurde oft gerufen.“[6]

Dass eine Frau Operetten komponierte, war weltweit eine Meldung wert. So veröffentlichte die Zeitschrift Musical America am 12. Juni 1915 einen Artikel mit dem Titel Operetta by Mme. Nikisch brought out in Leipsic.

Duo Nikisch–Friedländer mit „Sinngefälligkeit“

Amélie Nikisch in „Deutsche Frauen- und Modezeitschrift“ Heft 2, 1914, S. 16.

1914 feierte ein weiteres Werk von Amélie Nikisch und Ilse Friedländer am Hamburger Stadttheater Premiere. Daniel in der Löwengrube basierte auf Texten von Ernst von Wolzogen aus seiner frühen Überbrettl-Zeit. Der Rezensent des Humorist berichtet, dass der Musik „eine gewisse Eigenart und Sinnfälligkeit nicht abgesprochen werden kann, dass sie aber die Forderungen an eine moderne Oper nicht erfüllt“.[7]  Das Salzburger Volksblatt bescheinigte immerhin einen „sehr freundlichen Erfolg“. In „Offenbachs Manier wird Ernstes  und Heiteres gemischt“, weshalb das Werk eher eine Operette als eine Oper sei. „Die Handlung ist ein Vorwand für eine bunte Reihe grotesk-komischer Szenen, die zum Teil stark amüsieren. Die Musik verrät Phantasie und eine nicht unbeträchtliche Geschicklichkeit.“[8] Dennoch verschwand die Komische Oper bald von den Spielplänen. 

Die nächste Operette Immer der Andere, erneut mit einem Libretto von Ilse Friedländer, hatte am Leipziger Operetten Theater mitten im Ersten Weltkrieg Premiere und wurde wohlwollend aufgenommen. Besonders gepriesen wurde ein Lasso-Duett, bei dem das Liebespaar versucht, sich gegenseitig mit einem Lasso einzufangen. Außerdem gab es den Anita-Walzer, der beliebt war: „Das Buch berichtet von den Liebesabenteuern einer mannstollen Dame, die nie den richtigen Mann, den sie eben liebt, vorfindet. Die Musik ist anmutsvoll und vornehm und es macht sich das anzuerkennende Bestreben bemerkbar, die banale Schlager- und Reißeroperette durch ein edleres Produkt zu ersetzen.“[9]

Nun auch selbst Librettistin

Ebenfalls 1915 betätigte sich Amélie Nikisch erstmals als Librettistin. Gemeinsam mit Ilse Friedländer schrieb sie den Text zur romantischen Oper Die Insel Aebelö Die Musik komponierte Josef Gustaf Mraczek (1878–1944). Die Uraufführung in Breslau wurde begeistert aufgenommen. Der Pester Lloyd[10] berichtet, dass der Komponist sich schon nach dem zweiten Akt auf der Bühne zeigen musste und es am Ende vierzig Vorhänge gab! Die Oper basiert auf dem Buch Die Apfelinsel von Sophus Michaelis (1865–1932). Vom Textbuch ist der Kritiker nicht begeistert. Es gehe um eine Kranke, die den Mann, den sie liebt, zurückstößt und ihn dann im „Somnambulismus“ hingibt. Als sie schwanger wird, gesteht sie dem Mann ihre Liebe und alles endet gut. Der Rezensent des Salzburger Volksblattes schreibt: „Das Libretto strebt eine Lösung des psychologischen Problems zwischen Mann und Frau an. Kann aber keine Lösung im Sinne der Zähmung der Widerspenstigen finden, weil des Wesen der weiblichen Hauptfigur nicht die Folge eines Charakters, sondern das Resultat hysterischer Störungen ist. Die Dramatisierung des Romans ergab aber ein sehr wirkungsvolles Opernbuch, das nach dem Stimmungsmaler verlangt. Mraczek ist ein solcher als Jünger von Richard Strauss, dessen Orchesterkolorit er glücklich nachahmt. Natürlich auch Wagnerianer, schuf er mehr eine farbenprächtige sinfonische Dichtung, als eigentliche Opernmusik. Aber die außerordentlich geistreiche, im Kolorit blendende und stimmungstiefe Partitur tat ihre Wirkung. Komponist und Librettistinnen wurden außerordentlich gefeiert.“[11]

Mraczek hatte vor Der Insel Aebelö bereits zwei Opern komponiert, nämlich Der gläserne Pantoffel (1902) und Das Leben ein Traum (1912). Beliebt war seine sinfonische Burleske Max und Moritz, die von Arthur Nikisch uraufgeführt worden war, wodurch wahrscheinlich der Kontakt zu seiner Frau entstand. Der Rezensent schreibt, dass Mraczek in einer Linie von Wagner bis Strauss stehe und mit ihr „die Musik der modernen Franzosen und Italiener (von Verdi an) verschmelzen“ wolle. Da er auch eine „starke Eigenbegabung“ habe, würde ein „verstücktes Musizieren“ dabei herauskommen. Dennoch lobt der Kritiker vor allem den zweiten Akt, die Instrumentation und die Chöre. Mraczek war zunächst Konzertmeister in Brünn sowie Violinlehrer an der dortigen Musikschule. Er schrieb noch drei weitere Opern und war von 1923 bis 1924 Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker. Schließlich gründete er ein eigenes Kammerorchester. Die Grazer Tagespost zeigt sich wenig angetan vom Textbuch der Oper. Die Arbeit der beiden Damen sei „reichlich wirr und ohne den mindesten Versuch, seelische Wandlungen zu klären, seltsame Geschehnisse hart aneinander stellt, keinesfalls gelungen zu nennen.“[12]

Amélie Nikisch zum Fressen gern

Nach dem Ersten Weltkrieg ist von weiteren Kompositionen von Amélie Nikisch nicht mehr die Rede in den diversen Zeitungen. Eine Operette namens Die Keuschheitsinsel wird zwar erwähnt, aber damit ist wohl Die Insel Aebelö gemeint.  Arthur Nikisch starb am 23. Januar 1922 im Alter von 66 Jahren an der Grippe. In den Nachrufen wird immer wieder auch seine Ehefrau erwähnt. Dann wird es still um sie. Am 9. Oktober 1924 findet man im Neuen Wiener Journal die Nachricht, dass ein Leipziger einen großen Teil des Nachlasses von Arthur Nikisch bei einem Lumpenhändler erstehen konnte, darunter Hefte mit seinen frühen Kompositionen, aber auch signierte Partituren von Puccini oder Brahms. Viele Fotografien waren ebenfalls darunter. Für den Leipziger war es ein Schnäppchen, denn er zahlte pro Kilogramm nur 50 Pfennige. Am 20. November 1923 meldet das Neue Wiener Tageblatt, dass Amélie Nikisch einen Brief zu ihrer Verlobung mit ihrem Mann Arthur in alten Unterlagen gefunden hatte, der von Anton Bruckner stammte. Nikisch hatte sich immer sehr für die Werke Bruckners eingesetzt. Der Brief wurde in der Ausgabe der Zeitung abgedruckt.[13] 1928 brachte Hofrat Ludwig Karpath das Kochbuch Jedermann seine eigene Köchin heraus. Er hatte auch Prominente um Rezepte gebeten. Neben Amélie Nikisch steuerten auch Alma Mahler und Pauline Strauss ein Rezept bei (Neues Wiener Tageblatt vom 15. Dezember 1928). Das kurze Rezept einer Soße für gekochten Fisch wurde 1939 noch einmal abgedruckt: „Man gebe 12 bis 14 dg frische Butter, eine Prise Salz, eine Prise weißen Pfeffer und zwei Esslöffel kaltes Wasser in einen Tiegel und rühre über gutem Feuer bis die Soße gebunden ist. Dann serviere man sie sofort.“[14]

1936 wurde der Tod von Mitja Nikisch (1899–1936) vermeldet, der als Pianist und mit einem Tanz-Orchester bis zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus Erfolge feierte. Er widmete sich danach verstärkt der Komposition und vollendete unter anderem kurz vor seinem Tod ein Klavierkonzert, das erst 1941 uraufgeführt wurde. Heute noch kann man verschiedene Aufnahmen von ihm hören, darunter Mozarts Klavierkonzert Nr. 20 d-Moll mit den Berliner Philharmonikern, aber auch Lass mich einmal deine Carmen sein von Friedrich Hollaender. Wahrscheinlich starb er mit 37 Jahren an Suizid in Venedig. Seine Mutter Amélie Nikisch starb zwei Jahre nach ihm und sechzehn Jahre nach ihrem Ehemann am 18. Januar 1938 im Alter von 75 Jahren in Berlin. Ihr Werk ist bis heute vergessen, während ihr Mann immerhin als Dirigent in Erinnerung geblieben ist. Auf Youtube kann man einige seiner Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern oder auch mit dem London Philharmonic Orchestra anhören. Angesichts der Wiederentdeckung komponierender Frauen wird man in Zukunft vielleicht auch Kompositionen von Amélie Nikisch auf den Spielplänen wiederfinden. Ein Anfang wurde bei einem Konzert im Palmengarten Leipzig unter dem Motto Frauen in der Musikszene um 1900 im Jahr 2025 gemacht. Ihre Kompositionen Das geht mir durch und durch, Mobil, Mobil und Ich war bis jetzt ein Vögelein kann man auf dem Scholars Archive der Brigham Young University anhören.

Werke von Amélie Nikisch

♦ 1906: Prinz Adolar und das Tausendschönchen (Weihnachtsmärchen)
♦ 1911: Meine Tante – Deine Tante (Operette)
♦ 1914: Daniel in der Löwengrube (Komische Oper)
♦ 1915: Immer der Andere (Operette)
♦ 1915: Die Insel Aebelö (Oper von Josef Gustaf Mraczek, nur Libretto)
Das geht mir durch und durch (Lied, aus: Immer der Andere)
Mobil, Mobil (Lied, wohl aus einer der Operetten)
Ich war bis jetzt ein Vögelein (Lied der Suse aus: Meine Tante – Deine Tante)


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Über den Autor
Martin Trageser wurde 1975 in Alzenau geboren und unterrichtet heute am Dalberg-Gymnasium Aschaffenburg die Fächer Politik und Gesellschaft, Geschichte und Deutsch. 2008 promovierte er mit der Arbeit Es liegt in der Luft eine Sachlichkeit – Die Zwanziger Jahre im Spiegel des Werks von Marcellus Schiffer an der Universität Würzburg. Seit 1997 veröffentlichte er Kinderbücher, Kurzgeschichtensammlungen sowie die Sachbücher Millionen Herzen im Dreivierteltakt – Die Komponisten des Zeitalters der Silbernen Operette, Die Mountbattens – eine Familie im Zentrum europäischer Geschichte sowie Carl Millöckers Leben und Werk im Spiegel der zeitgenössischen Presse.

Einzelnachweise
[1] Webseite der Perfomance History Search des Boston Symphony Orchestra, zuletzt abgerufen am 19. Februar 2026.
[2] Pester Lloyd vom 30. Januar 1938, S. 14.
[3] Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Sign. TTH TB Nik 1, zuletzt abgerufen am 20. Februar 2026.
[4] Universität Hamburg: Die Temperamente des Theaters“. Leopold Jessners Bühnenbücher vom Thalia Theater. Katalog zur Ausstellung 2024, zuletzt abgerufen am 19. Februar 2026.
[5] Die folgenden Zitate stammen aus der Rezension aus dem Leipziger Tageblatt vom 3. April 1911, S. 1.
[6] Prager Tagblatt vom 3. April 1911, S. 5.
[7] Der Humorist vom 20. März 1914, S. 7.
[8] Salzburger Volksblatt vom 10. März 1914, S. 8.
[9] Fremden-Blatt vom 25. Mai 1915, S. 11.
[10] Pester Lloyd vom 18. November 1915, S. 11.
[11] Salzburger Volksblatt vom 17. November 1915, S. 6.
[12] Tagespost Graz vom 11. Dezember 1915, S. 18.
[13] Neues Wiener Tageblatt vom 20. November 1923, S. 4.
[14] Pester Lloyd vom 9. April 1939, S. 40.
Anm. d. Red.: In Dresden kam 2024 eine gekürzte Version von Meine Tante – Deine Tante durch Kai Hinrich Müller und Volker Krafft zur Aufführung. Wahrscheinlich befindet sich dort ein spielbares Notenexemplar.

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