
Text: Maria Hofmann
In diesem Jahr beschäftigen wir uns anlässlich des #Taktwechsel-Projektes als nun sechstes Digitalisierungsprojekt im Rahmen des Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF) mit dem Thema Dirigentinnen im Dialog der Zeiten: Im Fokus stehen Audio-Interviews aus dem Nachlass von Elke Mascha Blankenburg, die sie mit Dirigentinnen geführt hat. Diese geben Einblicke in den Beruf der Dirigentin im nach wie vor männlich dominierten Musikbetrieb. In der Rubrik Fundstück des Monats wird jeden Monat eine dieser Dirigentinnen vorgestellt. Die Dirigentin des Monats Februar ist Loes Visser – “My aim is to inspire and connect people by conducting colorful music with all my heart.“
Loes Visser wurde am 18. April 1959 in Enschede in den Niederlanden geboren und begann mit 18 Jahren zu dirigieren. Sie studierte zunächst Geige und Bratsche und nahm 1983 am Königlichen Konservatorium Den Haag ein Dirigierstudium bei Lukas Vis und Ed Spanjaard auf, wo sie jeweils die einzige Frau der Klasse war. 1984 lernte sie bei einem Dirigierkurs von Franco Ferrara zum ersten Mal drei Kolleginnen kennen, mit denen sie sich schnell verbunden fühlte. Im Interview mit Elke Mascha Blankenburg beschrieb sie: „Ich merkte, wich ich mich mit ihnen identifizierte und stolz war, wenn sie gut waren. Wenn es aber nicht gutging, fühlte ich mich selbst schlecht und fand es schrecklich, wenn sich die Männer darüber lustig machten.“ Weitere Meisterkurse belegte sie unter anderem bei Constantin Bugeanu, Bernard Haitink und Ilya Mussin.
Vorurteile
Nach ihrem Dirigierexamen 1989 wurde Loes Visser mit zwei Äußerungen konfrontiert, die die Hürden beim Berufseinstieg von Dirigentinnen zeigen. Der Hochschul-Direktor entließ sie mit den Worten: „Jetzt haben Sie zwar ein phantastisches Examen gemacht, aber ich glaube nicht, dass Sie als Frau jemals eine professionelle Karriere machen können“. Der Intendant des Gelders-Orkest unterstrich dies mit den ernüchternden Worten: „Vor einer Frau kommen erst einmal hundert Männer.“ Entgegen dieser Vorurteile leitete Loes Visser bereits während ihres Studiums das Theaterorkest Amsterdam und das Universitätsorchester Rotterdam.
Eine weitere Herausforderung in der Karriere von Dirigentinnen besteht darin, dass ihnen Führungsqualitäten oft nicht zugetraut werden. Loes Visser beschreibt, dass man „in seinem Führungsstil nicht autoritär sein [soll], aber in dem, was die Musik betrifft schon.“ So wird es möglich „das durchzusetzen, was man darstellen will, was man im Kopf und im Herzen hört.“ Die Zeitungen Stentor Newspaper und Leeuwarder Courant charakterisieren sie als „strong but flexible binding element“ und „all-ruling musical leading woman with attention for every effort and every detail.“
Als Gastdirigentin arbeitete sie unter anderem mit dem 1. Frauenkammerorchester Österreichs, dem Staatlichen Sinfonieorchester Kiew und der European Sinfonietta zusammen. 1990 gründete sie das Adamello Ensemble, das außergewöhnliche Projekte wie zum Beispiel Gefängniskonzerte umsetzte. 2007 gründete Loes Visser das Jugendorchester Britten Jeugd Strijkorkest und ist seitdem Künstlerische Leiterin der zugehörigen Britten Foundation for Young String Talent. Unter dem Motto Qualität, Herzlichkeit, Inspiration, Freude gibt das Orchester Konzerte in den Niederlanden und auf Tourneen. 2014 gewann das Orchester unter ihrer Leitung den 1. Platz beim Summa cum Laude Festival in Wien.
Neben einem breiten Repertoire mit Werken aus verschiedenen Epochen widmet sich Loes Visser auch der Aufführung selten gespielter Werke, wie die der niederländischen Komponistinnen Alba Rosa Viëtor und Henriëtte Bosmans.
Videos von Loes Visser mit dem Britten Youth String Orchestra
♦ Adoration (Florence Price), arr. James Oesi für Kontrabass, Solistin: Judith Capelle (Konzert am 13. April 2024)
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♦ Konzerteinführung (Loes Visser, Anastasia Kobekina) – Cellokonzert (Edward Elgar), Solistin: Anastasia Kobekina – Introduction & Allegro (Edward Elgar), Solist: Matangi Quartett (Konzert am 25. April 2021)
♦ Album Britten Youth String Orchestra 2022: Turina, Skoryk, Bloch, Mozart, De Boer, Caroline Shaw (USA), Myroslav Skoryk (Ukraine), Eduard de Boer (Niederlande)
Nachweise
♦ Bildnachweis: Wikimedia Commons (Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)
♦ Elke Mascha Blankenburg: Dirigentinnen im 20. Jahrhundert: Porträts von Marin Alsop bis Simone Young. Hamburg: 2003.

