Manuela Kerer

Inspiration am Mainufer

Manuela Kerer mit Dieter Zetsche, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Manuela Kerer mit Dieter Zetzsche, Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst

Archivmitarbeiterin/ Elisabeth Brendel: Wie haben Ihnen die drei Monate in Frankfurt während Ihres Stipendiums gefallen?

Manuela Kerer: Die drei Monate haben mir sehr gut gefallen. Es war schön, Frankfurt als Stadt kennenlernen zu dürfen, Inspiration zu bekommen und neue Menschen kennenzulernen.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Wie beurteilen Sie das Projekt Composer in Residence?

Kerer: Ich beurteile das Projekt als durchwegs positiv. Ich kann nur von guten Erfahrungen berichten. Es ist eine wunderbare Chance für Komponistinnen und ich hoffe, dass viele weitere Komponistinnen diese Möglichkeit ergreifen dürfen!

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Ergaben sich für Sie aus dem Projekt Composer in Residence Vorteile?

Kerer: Sehr viele. Zum einen ist ein Stipendium wie dieses immer eine Anerkennung, die nicht nur ideell, sondern beispielsweise auch für den Lebenslauf sehr wichtig ist. Zum anderen war der finanzielle Aspekt natürlich wichtig, denn im Stipendium sind neben einer Unterkunft in Frankfurt weitere Leistungen enthalten. Natürlich war für mich der Kontakt zu den Musiker/innen besonders wichtig und schön. Ein neues Stück auszuprobieren und dann in einem Konzert präsentieren zu dürfen, ist für eine Komponistin von unschätzbarem Wert. Hinzu kommt, dass es sich um ein Porträtkonzert handelte. Ein ganzer Abend mit eigenen Stücken, verbunden mit einem Publikumsgespräch, zeichnet natürlich ein besonders gutes Bild einer Künstlerin. In wunderbarer Erinnerung halte ich auch das Kinderprojekt, in dessen Rahmen ich mit einer Schulklasse komponieren durfte, indem auf ein Werk von mir eingegangen wurde. Das Ergebnis wurde ebenfalls im Porträtkonzert präsentiert. Insgesamt war eine vermehrte Aufmerksamkeit der Presse zu beobachten, was immer wichtig ist. Auf der Pressekonferenz des CiR, die auf der Frankfurter Musikmesse 2015 stattfand, beschloss ich, mich den sich dort ausstellenden Verlägen vorzustellen. Daraus ergab sich schlussendlich eine Zusammenarbeit mit dem renommierten Verlag „Breitkopf & Härtel“, der nun meine Werke veröffentlicht.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Konnten Sie neue Kontakte knüpfen? Welche?

Kerer: Ich konnte einige neue Kontakte knüpfen. Die meisten davon verbinden künstlerische Werkschätzung mit freundschaftlicher Gewogenheit, was ich besonders mag.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Konnten Sie durch Ihre Zeit in Frankfurt ihr persönliches Netzwerk erweitern?

Kerer: Auf alle Fälle.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Inspirierte Sie Ihre Zeit in Frankfurt am Main als Stipendiatin zu späteren Werken oder auch zu Werken, die während des Stipendiums entstanden sind? Erzählen Sie.

Kerer: Im Stipendium entstand das Stück Soffio sospeso für Sopran, Tenor, Flöte, Klarinette, zwei Trompeten, Horn, Posaune, Bassposaune, Klavier, Violine und Violoncello.

Ein Hauch. Ein Atemzug. Vergänglichkeit. Flüchtigkeit. „Was ist das Leben? Es reicht ein Hauch um es auszulöschen“. Dies spricht der Protagonist in Pirandellos Novelle Soffio (1931) zufällig aus und bläst dabei über Daumen und Zeigefinger, die einander berühren. Was er in diesem Moment noch nicht weiß: Sein Hauch kann auf diese Weise töten. Langsam wird er sich seiner Fähigkeitbewusst und gerät in eine rauschhafte Zerstörungswut, die fast unschuldig und beinahe unwillkürlich anmutet. Wie ein Kind, das nicht glauben kann, wozu es fähig ist und dies immer wieder ausprobieren muss. Erst als er in der Zeitung von einer furchtbaren Seuche liest, wird er sich seiner Verantwortung bewusst. Doch schon bald kommt es zu einer neuen Welle der Zerstörung, die aus der Ungläubigkeit seiner Mitmenschen resultiert und sogar vor ihm selbst nicht Halt macht. Denn plötzlich steht ein Spiegel vor dem Ich-Erzähler, dem er die Unschuld seines Handelns beweisen will, indem er sein Spiegelbild anhaucht. Eine langsame, beobachtbare Auflösung in Luft ist die Folge. Gerade dieser Moment der Auflösung interessiert mich aus musikalischer Sicht. Dabei ziehe ich ihn in die Länge, nehme ihm auf diese Weise die Zeitlichkeit und drehe und wende ihn klangmalerisch. Der Hauch der menschlichen Stimme, auch in und auf Instrumente übersetzt, fasziniert mich. Ausschnitte, Fetzen von Pirandellos Text schwirren durch die Partitur. Die apokalyptische Orgie der Vernichtung, die – so widersprüchlich es klingen mag – keiner abgrundtiefen Bosheit, sondern einer gewissen Naivität entspringt, bleibt gewissermaßen stehen. In einem soffio sospeso, einem schwebenden Hauch.

Auch bei sonstigen Kompositionsaufträgen, die ich in meiner Zeit in Frankfurt erhielt, war ich beim Nachdenken und Konzipieren von der Stadt beeinflusst.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Gab es einen speziellen Ort in Frankfurt, den Sie als inspirierend empfanden?

Kerer: Ich fand das Mainufer sehr inspirierend, weil es irgendwie die gesamte Stadt in sich birgt. Es kann sehr mondän sein, aber auch ländlich und einfach. Ich bin aber auch sehr gerne in der Innenstadt flaniert und habe mir Konzerte des Ensemble Modern angehört oder war in der Oper.

Archivmitarbeiterin/ Brendel: Haben Sie seit dem Arbeitsaufenthalt in Frankfurt weitere Stipendien bekommen?

Kerer: Ich habe seither Kompositionsförderungen des Landes Südtirol und des Bundeskanzleramtes Österreich bekommen. 2016 erhalte ich das Österreichische Staatsstipendium für Komposition. 2016 bin ich Composer in Residence beim Festival St. Gallen/Steiermark.